Ein Geständnis vorneweg: Wenn andere über die Zukunft des Fernsehens debattieren oder die ARD/ZDF-Onlinestudie mal wieder gestiegene Sehdauer belegt, kann ich nicht mitreden bzw. fühle mich nicht betroffen. Ich kann mich kaum erinnern, wann ich das letzte Mal den Fernseher wegen eines Programmpunktes eingeschaltet oder einfach so durch die Sender gezappt hätte. Fernsehen ist in meinem täglichen Konsum mit Serien gleichgestellt; vorzugsweise aus den USA oder Großbritannien im Originalton, gerne dank Hulu, Netflix und entsprechenden Workarounds auch schneller als der deutsche Markt das (bislang) hinbekommt.

Wenn also jemand ein TV-Experiment wagt – und das kommt in Deutschland ja ohnehin selten vor -, dann gehöre ich zu denen, die das mal via Twitter verbreiten, aber selten selbst schauen. Probiert habe ich es zuletzt bei der „Rundshow“, was interessant, aber doch zu einseitig für meinen Geschmack war.

Eine aktuelle Idee aus den USA, die mir sehr gut gefällt und mich gerade dazu veranlasst, tatsächlich mal jenseits von Serien über eine mögliche Zukunft des Fernsehens nachzudenken, ist „HITRECORD on TV“. Das Format stammt aus dem Hause HITRECORD, der selbst so bezeichneten „open-collaborative production company“ von Schauspieler Joseph Gordon-Levitt (a.k.a. scheinbar Everybody’s Darling in den USA, hat zuletzt in Filmen wie „Inception“ mitgespielt oder in „500 Days of Summer“ mit Zooey Deschanel geknutscht, formerly known als der Bubi aus „Hinterm Mond gleich links“ und „Zehn Dinge, die ich an dir hasse“). Er und seine Firma praktizieren, was andere zu praktizieren glauben, aber bislang vor allem predigen: echtes Crowdsourcing.

Patchwork-Fernsehen im Kollaborationszeitalter

Bevor ihr euch jetzt empört über diese Differenzierung, schaut euch das Patchwork-Produkt am Besten selbst an (eingebettet weiter unten). Es ist eine monothematische, verrückte Mischung aus Geschichten, Videos, Musik, Animationen, sogar ein ganz besonderer Kurzfilm wird gezeigt. Für alle Teile der Sendung wurde die gleichnamige Kreativ-Plattform aktiviert (alles sehr crossmedial obendrein!), wo den Machern zufolge Hunderttausende Nutzer aus aller Welt aktiv sind.

Die bunten Animationen, mit Laptop- oder Handykameras gefilmten Schnipsel, die schnellen Schnitte und das Collage-artige sind – zumal als TV-Format, das „HITRECORD on TV“ auch ist – wirklich mal was anderes. Ich finde zwar, dass die Sendung es stellenweise ein wenig übertreibt – warum zum Beispiel läuft Presenter Joseph Gordon-Levitt, um eine Geschichte zu erzählen, eine beliebige Straße entlang und filmt sich dabei selbst? Das war mir ein bisschen zu sehr auf Digital Hipster gemacht.

Trotzdem ist das Format nicht so hyperaktiv, wie es klingt oder wie manches andere, das so für die „Generation YouTube“ produziert wurde/wird. Etwas stimmiger in sich könnte es noch werden, das Potpourri ist im ersten Anlauf very artsy und Hipster, aber mir hat die erste Folge gut gefallen und sei es nur, weil hier mal jemand was wirklich anderes probiert und Crowdsourcing auf ein, wie ich finde, neues Level hebt.

Premiere der Sendung


(Video via Mark Heywinkel)

So gerne die „Millenials“, an die sich die Sendung richtet, auch kollaborieren und einfach nur aus Spaß an Dingen teilhaben, stellt sich natürlich trotzdem die Frage, ob und wie die Crowd beteiligt wird, wenn aus ihren kreativen Ideen ein vermarktbares Produkt in diesem Ausmaß entsteht. Die Macher versprechen in einem Video, dass die Kollaborateure beteiligt werden. Gordon-Levitt sagt: „Der Sinn von ‚HITRECORD on TV‘ ist nicht, Geld zu machen. Wenn ich nur die Dollars vermehren wollte, würde ich mit meiner Zeit was anderes anfangen.“ Weil Geschäftsmodelle im Fernseh komplizierter seien als andere Bereiche, in denen die Firma aktiv ist (sie produzieren zum Beispiel Musikalben und Bücher), würden in diesem Fall nicht wie sonst etwaige Gewinne 50/50 geteilt. Community-Mitglieder, deren Audio-/Videoaufnahmen, Zeichnungen oder Geschichten in einer ausgestrahlten Folge genutzt werden, bekommen demnach vorab Geld dafür – und sollen außerdem noch am etwaigen Gewinn beteiligt werden. Wenn dem tatsächlich so ist, Hut ab.

Für das Jahr 2012 haben sie den Kreativen auf der Plattform im Durchschnitt 952 Dollar ausgeschüttet – ob das jetzt viel oder wenig ist gemessen an der Leistung, vermag ich an dieser Stelle nicht zu sagen. Einige der Beträge gehen jedoch schon in die Tausenden, der Contributor mit den meisten Ausschüttungen bekam in 2012 bereits 30.000 Dollar. Klingt alles wesentlich besser als die im Zusammenhang mit Crowdsourcing und Kollaboration gelegentlich genutzte Formel von Ruhm und Ehre.

tl;dr

Die Fernseh-Un-Expertin in mir meint: Das Format „HITRECORD on TV“ sollte man beobachten!