Sina ließ nicht locker, hier also ein Einblick in mein verstört-romantisches 13-jähriges Gehirn. Nach dem Lesen bin ich überzeugt: Ein paar andere Wendungen im Leben, und aus mir wäre eine Stephenie Meyer geworden, deren Schreibe ist quasi genauso infantil…


— Weil ich ihn liebe —

Stille. Lautlos zerschellt das Feuerzeug, das mir aus der Tasche gefallen sein muss, irgendwo auf den Klippen. Ich kann nicht orten, wo es aufgeschlagen ist, denn die Spalten zwischen den riesigen Felsen sind zu tief, um auch nur einen Laut von dort hören zu können.
Mir ist kalt. Der Wind weht mir kräftig durch mein Haar, und mein Kleid flattert in der Brise. Ich bekomme eine Gänsehaut und schlinge meine Arme noch weiter um meinen Oberkörper.
Es ist verdammt hoch hier oben. Wenn ich nach unten blicke und sehe, wie die mächtigen Wellen an den Felsen brechen, wird mir richtig schwindelig. Die Höhe macht mir zu schaffen.
„Er wird dich fallen lassen, sobald ihr euch wiederseht!“ Plötzlich muss ich wieder an die Worte meiner Mutter denken, die mir auf meinem Weg nach hier oben die ganze Zeit in den Ohren klangen. Sie hat mich gewarnt, Tag für Tag des gesamten letzten Jahres. Aber ich wollte einfach nicht auf sie hören. Was wusste sie schon von ihm. Nichts. Nicht mehr als seinen Namen, obwohl ich heute bezweifle, dass sie ihn behalten hat. Sie hatte selbst genug Probleme in ihrem Leben, da konnte sie sich auch noch um sämtliche Probleme in meinem Leben kümmern. Und dennoch hat sie mich jeden Tag auf ein Neues vor ihm zu warnen versucht.

Aber ich war naiv und dumm. Ein ganzes Jahr hatte ich all mein Geld ausgegeben um mit ihm in Kontakt zu bleiben. Fast jeden Tag schickte ich ihm einen Brief oder eine E-Mail. Es dauerte oft Wochen, bis er auf meine Versuche reagierte. Ich war enttäuscht und wütend. Wenn dann endlich eine Antwort von ihm kam, warf ich all meine Vorsätze, ihm die Meinung zu sagen und endgültig mit ihm Schluss zu machen, über den Haufen und war sofort wieder hin und weg. Ein Brief von ihm war so schön wie ein Liebesbrief in einem Märchen. Manchmal schrieb er mir sogar romantische Gedichte oder schickte mir ein neues Foto von ihm. Ich hatte schon zahlreiche Fotos an meiner Wand hängen. Doch nur eines trug ich ständig bei mir, in meinem Portemonnaie. Das Foto von uns beiden, was der Mann am Strand von uns gemacht hatte. Wir saßen Arm in Arm auf dem Handtuch und küssten uns zärtlich. Es schien mir selbst nach Monaten so, als würde ich diesen Kuss immer noch auf meinen Lippen spüren, als hätte ich ihn gerade erst vor ein paar Minuten bekommen.

Jede E-Mail druckte ich aus und sammelte sie gemeinsam mit den Briefen und Gedichten in einem roten Karton unter meinem Bett. Wenn ich abends nicht einschlafen konnte, habe ich oft noch einmal in dem Pappkarton gewühlt und etwas von ihm gelesen. Dabei hielt ich den kleinen Teddybären, den er mir auf dem Wochenmarkt gekauft hatte, immer in meiner Hand. Er durfte in jeder Nacht des Jahres in meinem Bett schlafen und war bei mir, wenn ich die Einsamkeit wieder einmal nicht aushalten konnte.

Einmal hat er mich angerufen. Meine Mutter hatte mir den Hörer gegeben und mit den Schultern gezuckt, als wüsste sie nicht wer am Apparat ist. Als ich dann seine Stimme hört, wie sie „Hallo Süße“ sagte, da zitterte ich am ganzen Körper vor lauter Glück. Ich musste dann immer daran denken, wie er mir das an jenem Morgen ins Ohr geflüstert hatte, als wir am engumschlungen Strand aufwachten. Diese wunderbare Nacht, in der ich meine Unschuld verloren hatte. Es war ein wundervolles Gefühl gewesen, mit den ersten Sonnenstrahlen in seinen Armen zu erwachen.

Tränen rollen meine Wange hinunter. Ich kann einfach nicht aufhören an ihn zu denken. Wie konnte er mir das bloß antun? Nach all der Zeit, die ich auf ihn gewartet hatte. Nach dem ganzen Jahr, in dem ich an niemanden als an ihn gedacht hatte. Nach all den schlaflosen Nächten, den vielen Tränen, all den Briefen und sehnsüchtigen Telefonaten. Nach all dem Kummer, den ich durchlebt hatte und den ich auch meiner Familie und meinen Freunden gemacht hatte. Nach einem Jahr voller Schmerz, Sehnsucht und Verzweiflung. Warum? Ich verstehe nicht, wie er meine Liebe so mit Füßen treten konnte. Ich hätte alles dafür gegeben, den letzten Sommer noch einmal zu erleben, mit denselben Gefühlen, derselben Leidenschaft und Liebe. Ich hätte alles getan, um ihn glücklich zu machen, bedingungslos.

Doch kaum war ich wieder bei ihm, hat er all meine sehnsüchtigsten Träume zerplatzen lassen wie eine Seifenblase, die bedeutungslos ist und von der man einfach eine neue macht wenn man sie braucht. Ohne jegliche Rücksicht auf meine Gefühle. Ohne daran zu denken, was er damit anrichtet.

Als ich ihn im letzten Sommerurlaub in Italien kennenlernte, da war es Liebe auf den ersten Blick. Er war mit seiner Familie dort, genau wie ich. Wir sahen uns das erste Mal beim Dinner, als wir beide am Buffet standen und gleichzeitig nach dem Brot griffen. Keinen Tag haben wir getrennt verbracht, wir waren immer zusammen. Während die anderen Jugendlichen sich in der Bar oder in der Disco vergnügten, lagen wir den ganzen Abend alleine am Strand. Er hat mir Dinge gezeigt, die ich noch nie erlebt habe. Alles was ich von der Liebe weiß, habe ich von ihm gelernt. Aber nicht nur die guten Seiten, sondern auch die schlechten. Denn als wir bei meiner Abreise getrennt wurden, spürte ich das erste Mal, wie schrecklich Liebeskummer sein kann. Ich vermisste ihn so wahnsinnig, dass der Schmerz mich innerlich in Stücke riss. Manchmal wollte ich meine Sachen packen und einfach zu ihm fahren, aber ich hatte nicht genug Mut um bis nach England zu trampen, denn leider wohnte er dort. Er war Deutscher, aber seine Mutter hatte einen Engländer geheiratet und war mit ihm und seiner kleinen Schwester dorthin gezogen.

Ich hatte anfangs noch Angst, dass er mich zu Hause vergessen würde und dass er jemand anderes kennenlernen würde. Doch in seinen Briefen schrieb er so wundervolle Dinge, dass ich mir bald sicher war, dass er mich nie fallen lassen könnte.

Ich weiß nicht mehr, wieso ich ausgerechnet hierher gekommen bin. Als ich ihn mit diesem Mädchen am Strand gesehen habe, da haben meine Sinne ausgesetzt. Ich konnte kein Wort sagen, als ich die beiden sah, wie sie engumschlungen im Schlafsack dort lagen. Ich sah mich mit ihm, wie wir im letzten Jahr die Abende auf diese Weise verbracht hatten. Doch das war nicht ich. Ich war ungeplant zwei Tage früher gefahren und hatte mir schon ausgemalt, wie überrascht er sein würde, wenn ich plötzlich vor ihm stünde. Doch nun war ich überrascht, böse überrascht.

Vollkommen apathisch zog ich meine Schuhe an und lief vom Strand fort, sehr lange, bis mir irgendwann der Atem ausging und ich stehenblieb. Plötzlich fand ich mich auf der Straße oberhalb des Hotels wieder, an den Klippen. Nur die Leitplanke trennte mich noch von den gefährlich steilen Felsen.

Noch immer nicht wieder Herrin meiner Sinne, stieg ich über die Leitplanke und setzte mich darauf. Mein Blick schweifte über das Meer, bis an den Horizont, wo die Sonne gerade ihre ersten Strahlen zeigte. Dann wanderte mein Blick weiter den Strand entlang, wo ich in der Ferne zwei kleine Punkte erkennen konnte, die engumschlungen dort lagen und auf das Meer starrten.

Und jetzt stehe ich hier oben und weiß nicht mehr ein noch aus. Meine große und einzige Liebe. Ich werde nie wieder einen anderen so lieben können wie ihn. Er ist etwas Besonderes. Einzigartig. Unvergesslich. Vielleicht wird er sich auch wieder an unsere Liebe erinnern. Vielleicht muss ich das jetzt tun, damit er versteht, wen er wirklich liebt. Vielleicht muss ich ihm einfach beweisen, wie weit ich für ihn zu gehen bereit bin.

Der Wind weht immer stärker. Die warmen Strahlen der Sonne kommen gegen seine Kälte nicht mehr an. Ich friere immer stärker. Unter mir die Klippen und das Meer, das wild vor sich hin tobt und die Wellen, die zu mir hinauf zu wollen scheinen.

Ich muss es tun, damit er versteht, wie sehr Liebe schmerzen kann. Damit er versteht, wie ich gelitten habe. Ich muss es tun, weil ich ihn liebe. Auf Ewig.