Wenn das Highlight einer Journalistenkonferenz etwas so hightechiges wie eine Drohne ist, dann kann die Veranstaltung nicht so schlecht gewesen sein!

Es war eine sehr gute Entscheidung, die Journalisten Marcus Bösch und Lorenz Matzat bei „Besser Online“ zu den Möglichkeiten des Drohnenjournalismus einzuladen. Was ich im Vorhinein von der jährlichen Veranstaltung des Deutschen Journalistenverbandes (DJV) gehört hatte, entsprach nicht gerade dem Titel – oder wenn doch, dann eher im Sinne von: Mann, ihr müsst aber echt noch besser online sein lernen.


(Ich gestehe: XY war ich…)

Solche Vorurteile gegenüber weniger nerdigen Journalisten pflege ich als Digitaljournalistin zu oft zu gerne, zumal ein weiteres wichtiges Journalisten-Event, die Jahrestagung des Netzwerk Recherche, sie Jahr um Jahr wieder bestätigt.

Es mag sehr grundsätzlich zugegangen sein in manchen Panels im Bonner Post Tower, die von den Darstellungsmöglichkeiten für Journalisten im Social Web bis zur großen Finanzierungsfrage für die Zukunft der Branche reichten (in der vergangenen Woche ausnahmsweise mal wieder ein Thema in Bewegung, da Springer nun auch bei weiteren Portalen auf eine Paywall setzen will). Ich selbst habe – wie so oft – zu wenige der einzelnen Veranstaltungen gesehen, als dass ich dieser Behauptung ein wirklich fundiertes Urteil der Tagung als Ganzes folgen lassen können.

Deswegen müssen es ein paar bruchstückhafte Eindrücke:

Onliniger als gedacht
Zunächst ein Meta-Fazit: Mit Twitterwall, funktionierendem (!) W-Lan und einer erfreulich hohen Tweetdichte hat sich übrigens das Vorurteil des Offliner-Events nicht wirklich bestätigt.

„Wir müssen aufhören, binär zu denken“
Stefan Plöchinger, mein früherer CvD bei Spiegel Online und heute Süddeutsche.de-Chefredakteur, gehört zu den wenigen Menschen im deutschen Journalismus, die Digitaljournalismus verstanden haben Digitalität leben und versuchen, ihre Führungsposition dafür zu nutzen, den Journalismus besser online zu machen. Er war deshalb für die Keynote eine perfekte Wahl, zumal in einem Jahr, in dem die Konferenz dem Hörensagen nach (es war meine erste) tatsächlich um einiges netzaffiner war als noch 2011.

Die gute, anprangernde Auftaktrede hat Plöchinger in seinem Blog dokumentiert, und ich kann die einzelnen Punkte nur jedem Journalisten und an der Medienbranche Interessiertem ans Herz legen. Die Kurzfassung steckt unter anderem in der obigen Zwischenüberschrift: Plöchinger macht der Branche und auch seinem eigenen Medium zum Vorwurf, sich zu sehr an Zahlen zu orientieren und beispielsweise Bild.de und Spiegel Online monatlich zu vergleichen, was man im Printbereich nie machen würde. Er plädierte dafür, dass wir andere, publizistische Kategorien finden, um den Erfolg unserer Seiten zu messen anstatt uns an den für Manipulationen anfälligen Klickstatistiken zu orientieren.

Kleiner Schlenker: Im „Digitalen Quartett“, einer Art Anti-Talkshow-Talkshow für Nerds, kamen wir Sonntagabend auch kurz auf das Thema und die Frage, ob wir denn überhaupt von dieser Währung wegkommen können. Ja doch. Hoffentlich. Oder? Insgesamt blieb bei der Sendung genau wie am Tag zuvor in Bonn dann doch ein wenig Resignation hängen, die ein „Quartett“-Zuschauer so zusammenfasste:

Was Drohnen mit Journalismus zu tun haben
Wie eingangs erwähnt: Die „Besser Online“ 2012 wird mir vor allem wegen einer Drohne im Gedächtnis bleiben und wegen der Gedankenspiele, die Marcus Bösch und Lorenz Matzat machten, was die mögliche Anwendung im Journalismus und die Vorteile unbemannter Kameraflüge angeht. Ein paar davon: die Nähe zum Subjekt durch eine Kamera, die sich ungefährlich in gefährliche Gebiete navigieren lässt, was, wie Daniel Bröckerhoff außerdem gestern bei Facebook anmerkte, „geilste Bilder für Reportagen und Dokus“ liefert.

Berechtigte Kritik am Drohneneinsatz für den Journalismus („Braucht Caroline von Monaco demnächst auch noch Flugabwehr?“ – Panel-Moderator Peter Welchering) mal beiseite, ist sehr gut vorstellbar, in welchen Bereichen die fliegenden Gadgets für die Berichterstattung eingesetzt werden könnten, auch ohne dass sie dadurch denjenigen den Job strittig machen, die bislang zu Fuß mit der Kamera unterwegs waren. Die gestrigen Bombenfunde in Viersen und Hamburg, sie hätten von Drohnen ungefährlich aus nächster Nähe statt hinter dem Absperrband aufgenommen werden können. (Wo in Einzelfällen der Mehrwert für den Journalismus liegt, ist wieder ein anderes Thema.)

Nicht zu verachten wäre in diesem Fall auch die rechtliche Lage: Für die kommerzielle Nutzung, etwa durch Reporter einer Hamburger Lokalzeitung, bräuchte es laut den Referenten eine Genehmigung. Ein spontaner Einsatz bei besagten Bombenfunden am Montag wäre also nach derzeitigem Gesetz gar nicht möglich gewesen, was die Anwendungsfälle deutlich dezimiert.

Mitgebracht habe ich neben spannenden Überlegungen zum Einsatz von Drohnen im Journalismus auch dieses Video einer kleinen Vorführung, die Marcus im Anschluss an das Panel im Freien bot:

Mehr zur Drohne habe ich bei den Digital Media Women im Blog aufgeschrieben. Für eine Anwendung im Journalismus, erzählte Marcus übrigens, eigne sich das im Video zu sehende Gadget seinen bisherigen Tests zufolge nicht. Zu anfällig für Wind, zu schwer steuerbar, nicht robust genug, und auch die Kameraqualität ist sicherlich nicht das, was sich professionelle Bildjournalisten vorstellen.

Trotzdem: Mein Interesse ist geweckt, und ich verfolge absofort auf drohnenjournalismus.de, dem Blog von Marcus und Lorenz, was sich in dem Bereich so tut.

Zwei Herzen in meiner Brust

Meine wenigen Eindrücke, wie gesagt, lassen sich nur schwer als Feedback für die gesamte Veranstaltung umdeuten. Sonja Kaute hat allerdings mit Stift & Blog ein Fazit der Tagung gezogen, das meinem Gefühl sehr nah kommt und dadurch untermauert wird, dass sie ein paar Panels gesehen hat. In sofern: Lesetipp!

Für mich persönlich hat sich die Reise auch jenseits inhaltlichen Inputs gelohnt. Ich war geladen worden, um etwas über die Digital Media Women (DMW) zu erzählen. Und ich merke, dass es mir immer leichter fällt, in kurzer Zeit auszudrücken, was das Netzwerk denn nun so besonders macht. Das wäre vor allem die Begeisterung unserer Mitglieder und die Motivation und Inspiration, die so viele Frauen und Männer inzwischen aus den DMW ziehen. Macht das mal einem Raum voll Menschen verständlich, die nicht mal wirklich wissen, was ihr eigentlich macht…

Allerdings waren in Bonn in meinem fast ausschließlich weiblichen Publikum auch mehrere Vertreterinnen von anderen weiblich geprägten Netzwerken wie dem Journalistinnenbund, so dass viele bereits die Probleme kannten, mit denen wir in der Digitalbranche uns konfrontiert sahen, als die Idee zu den DMW entstand. Und noch was machte das Thema für die meisten Anwesenden bei „Besser Online“ recht zugänglich – dass wir uns gerade auf einem schlechten Beispiel in Sachen Gender-Parität befanden:


Also: Wenn ich von einer Journalistenkonferenz wegfahre und nur einen potenziell wertvollen neuen beruflichen Kontakt geknüpft oder vertieft habe, dann ist das schon immer sehr viel wert. Und die andere Hälfte meiner gespaltenen Persönlichkeit ist glücklich, ein oder zwei Frauen in kürzester Zeit von den Digital Media Women überzeugt zu haben und neugierige Fragen zu hören wie: „Wann gibt’s euch denn endlich in Köln?“*

Zum Abschluss noch ein Klicktipp, die offizielle Seite der Veranstaltung nämlich, wo schon zeitnah zur Veranstaltung vorbildlich die ersten Zusammenfassungen zu finden waren. Weitere Rückblicke, auch in Form von Videos (ich sprach zum Beispiel kurz über die DMW), sollen folgen.


* Es gibt bereits eine Interessentinnenliste für den Raum Köln, also meldet euch bei uns, wenn wir euch verknüpfen sollen für erste Gespräche – info [at] digitalmediawomen.de