Auf meiner morgendlichen Lesetour durch die Techblogs, -ressorts und Social Networks, die ich immer im Rahmen des Netzwelttickers mache, bot sich heute erwartungsgemäß ein Bild. Im tatsächlichen Sinne: ein Bild des verstorbenen Apple-Gründers Steve Jobs, vor allem in Form von Screenshots der Apple-Website wie diesem:

Kondolenz für Steve Jobs auf Apple.com

Kondolenz für Steve Jobs auf Apple.com

Es war nicht leicht – vom Guardian bis Computerworld – eine (Unter)Seite mit Technologieschwerpunkt zu finden, die nicht einen erheblichen Teil ihrer Artikel dem Unternehmer zu widmen. Es ist, als stünde die Branche still. Sicherlich nicht zu Unrecht. Allein Spiegel Online, für die ich überwiegend arbeite, hat dem Tod von Steve Jobs seit der Nacht zum Donnerstag (und bis zum Schreiben dieses Blogbeitrags) sechs Artikel gewidmet, Redakteure bei Techblogs wie AllThingsD ließen Leser zu Wort kommen und schrieben bis in die Nacht (Ortszeit) Neues. Mancher Nachruf, der vor allem an diesem Vormittag in Deutschland erscheint, war sicherlich bereits vorgefertigt – schließlich war bekannt, dass Jobs an Krebs erkrankt war, auch wenn über seinen Gesundheitszustand letztlich nur spekuliert wurde.

Und noch eines fällt auf: Das Magazin Wired ist an diesem Vormittag fast komplett in Schwarz getaucht. Auch hier der einsame Aufmacher: ein Porträt von Steve Jobs; ein abstraktes, künstlerisches Foto. Darunter finden sich sehr dezent in grauer Schrift auf nach wie vor schwarzem Hintergrund Kondolenzen von Branchengrößen wie Bill Gates (Microsoft), Mark Zuckerberg (Facebook) oder Sergey Brin und Larry Page (Google), aber von US-Präsident Barack Obama und ebenfalls Lesern, deren Worte wie „Heaven got a major upgrade today“ aus den Kommentarspalten ins Hauptangebot gehoben wurden.

Der Zeitdruck der Online-Arbeit rief, ich konnte mich also nicht lange mit der Frage beschäftigen, die sich mir unmittelbar beim Anklicken von Wired.com heute Morgen stellte: „Übertrieben? Oder eine angemessene Würdigung?“ Einerseits, so dachte ich auf Anhieb, ist Steve Jobs ein Visionär wie kaum ein zweiter in dieser Generation gewesen. Wenn es zu Zeiten von Thomas Edison, mit dem Jobs nach seinem Tod unter anderem auf Spiegel Online verglichen wurde, das Internet bereits gegeben hätte – hätte man ihn doch sicherlich auch auf diese Weise zu ehren versucht. Oder?

Mein Post bei Google+

Mein Post bei Google+



Die Meinung, die unter meinem Google-Plus-Post (Screenshot oben) vorherrschte: Diese Art der Widmung sei „angemessen“. Ich kann das nachvollziehen, halte die Entscheidung der Wired jedoch gleichzeitig für eine Gratwanderung: zwischen dem Willen, einem Visionär wie Steve Jobs eine sicherlich nicht vollkommen unangemessene Hommage zu bescheren, und journalistische Unabhängigkeit zu wahren. Wobei ich diese ebenfalls bei Google Plus hinterlassene, kluge Anmerkung von Sharif Thib nachvollziehen kann: „Ohne einen Vordenker und Konventionenbrecher wie Steve Jobs wäre auch ein Magazin wie Wired nicht Wired.“

Sehr viel dezenter, dafür spielerisch-nostalgisch versucht das Blog Boing Boing dem ehemaligen Apple-Chef die letzte Ehre zu erweisen:

Temporäre Umgestaltung bei Boing Boing

Temporäre Umgestaltung bei Boing Boing

Auch einige Stunden nach der Nachricht von Steve Jobs‘ Tod findet sich auf dem beliebten Tech- und Science-Blog kein weiterer Artikel als die ursprüngliche Meldung. Stattdessen hat sich die sonst in roter Optik gehaltene Seite einen Retro-Look verpasst. Als jemand, der nie einen Mac benutzt hat und schon gar nicht zu frühen Tagen, habe ich mir sagen lassen, es handele sich bei dem Layout um eine Hommage an die frühe Desktop-Darstellung des Apple-Betriebssystems Mac OS. Ein kreatives, passendes Tribut für den Apple-Erfinder, meinen viele Twitter-Nutzer. Und auch ich halte dies für eine angemessene Herangehensweise, ich habe jedenfalls weniger Zweifel als bei der Wired-Darstellungsweise.

Nun ist mir bewusst, dass der Tod eines Menschen – ob eine Person öffentlichen Interesses oder nicht – nicht Anlass geben sollte, primär über Dinge wie die mediale Aufbereitung nachzudenken. Auch ich habe heute Morgen erst einmal geschluckt, als ich von Jobs‘ Tod las – auch wenn ich gleich darauf denken musste, dass diese Entwicklung eigentlich nicht zu sehr überraschen dürfte. (Vielleicht hatten die immer wieder auftauchenden Gerüchte und Spekulationen über einen Auftritt des einstigen Firmengurus, zum Beispiel bei der Vorstellung des iPhone 4S in dieser Woche, einen falschen Eindruck vermittelt.) Dennoch: Schon Jobs‘ Ausscheiden aus dem Konzern war ein herber Verlust. Mit ihm stirbt nun ein echter Avantgardist – weitere Lobpreisungen seines Genies und die Rückblicke auf sein Schaffen überlasse ich anderen, die wesentlich mehr von Apple verstehen.

Dennoch hatte ich das Gefühl, diesen Blogpost schreiben zu müssen – ich fand nämlich auch noch diesen Tweet:

Wired.com & BoingBoing.net zeigen heute sehr gut, warum sie mehr Stil und Taktgefühl haben als alle deutschen Medien zusammen.

Was eine vermessene Aussage! Deutsche Medien berichten aktuell sehr ähnlich wie auch amerikanische über Steve Jobs: Nachrufe, Multimedia-Specials, Bilderstrecken. Und vor allem mit viel Material, das aus den unterschiedlichsten Perspektiven die Person und ihren Einfluss zu ergründen versucht. Manchen gelingt dies besser, manchen schlechter. Manche tun dies mit Eilmeldungen, weil es bei ihnen nun mal so Usus ist, andere räumen dem Thema nicht ganz so viel Platz ein. Taktgefühl zeigen die meisten gleich viel oder gleich wenig – es ist wohl eine Frage der Interpretation, ob man mehrere Aufmacher zu Jobs‘ Tod als eine angemessene Variante empfindet. Und ob ein Medium sich für die eine oder andere Variante entscheidet, ist sicherlich zum Teil auch ganz simpel (und möglicherweise unterbewusst) den Klickzahlen geschuldet, was aber hier nicht das Thema sein soll.

Tatsache ist, dass Redaktionen gewichten müssen. Natürlich wird da Steve Jobs heute und sicherlich auch noch in den nächsten Tagen einiges an Platz bekommen. Aber sich komplett diesem einen Thema zu verschreiben, mit Haut und Haaren Layout und Farben ebenso wie Inhalten, hat nichts mit Stil oder Taktgefühl zu tun. Was Wired macht, ist angesichts der Ausrichtung des Magazins noch einigermaßen haltbar, zumal in diesem Fall etwa auch die gedruckte Ausgabe dafür bekannt ist, unkonventionell und abwechslungsreich zu gestalten. Wired ist eine Ausnahme, ebenso Boing Boing – zumal die als Blog mit WordPress-Theme allein schon technisch ganz andere Möglichkeiten haben, die sicherlich auch eine Rolle spielen.

Doch es ist nicht die technische Ebene, die deutsche – und ebenso amerikanische – „Medien“ (Verallgemeinerung!) von ähnlichen Umgestaltungen abhält. Es ist schlichtweg besagte Gratwanderung zwischen einer inhaltlichen Gewichtung und den Prinzipien von Journalismus. Eine Grundsätzlichkeit! Sicherlich könnte manches Onlineportal etwas mehr Taktgefühl vertragen, aber ich möchte doch sehr darum bitten, nicht Wired zum Vorbild zu machen.