Es gab Zeiten, da kam der Vergleich mit „Lost“ dem Ritterschlag einer Serie gleich. So zu sein wie „Lost“ oder zumindest so ähnlich, verhieß Spannung, eine intensive Beziehung mit den Zuschauern und vorausschauendes Erzählen mit einem (das dachte man jedenfalls) klaren Ziel im Auge. Natürlich war das meistens mehr Sein als Schein, wie ja auch das große Vorbild selbst, was sich allerdings erst nach sechs Staffeln herausstellte.

Und dennoch: „Lost“ war noch nicht einmal vorbei, da wurde bereits „FlashForward“ als Nachfolger ausgerufen. Die Serie startete mau und endete schließlich nach einer Staffel sang- und klanglos, aber mit einem gemeinen Cliffhanger – und deutete bereits an: Nicht nur das Publikum war schnell enttäuscht, auch für die Programmmacher, Autoren und Geldgeber ist der „Lost“-Vergleich eher tödlich als förderlich. Das neueste Beispiel ist „The Event“. Vor einem Jahr, kurz nach dem Ende von „Lost“ und „FlashForward“, sah etwa das LA Times Blogs die Serie schon in die großen Fußstapfen treten.

In der NBC-Serie setzt ein auf irgendeine Art bedrohliches „Event“ quasi Langlebigkeit à la „Lost“ voraus; tatsächlich wurde es erstmals im diese Woche in den USA gelaufenen Staffelfinale genannt. Im Verlauf der ersten Staffel wurden sukzessive komplexe Beziehungs- und Handlungsgefüge zwischen der Regierung, einer Handvoll scheinbar harmloser Zivilisten und einer Gruppe Gefangener aufgebaut. Die geheimnisvollen Gefangenen entpuppten sich bald als Außerirdische mit vordergründlich friedlicher Absicht, aber eigennützigen Interessen; selbst in den letzten Minuten entlarvte „The Event“ noch einen zentralen Charakter als Sleeper dieser Aliens – die Frau des Präsidenten höchstselbst.

Mit einem Cliffhanger und nur noch geringer Aussicht auf eine Verlängerung hat sich „The Event“ nun also von den Bildschirmen verabschiedet. Was das mysteriöse Ereignis ist, werden wir wohl ebenso wenig erfahren wie das Schicksal der Erdbevölkerung, die zugunsten der Aliens ausgerottet werden soll. Und wenn ich diese Sätze beim Schreiben so lese, klingt „The Event“ zusammengefasst viel schlimmer als es war und vor allem weniger aussichtsreich, sondern bloß wie das nächste schnöde Alien-Szenario. Dabei hatte diese Serie Einiges, das sie zu einem Hit hätte machen können, etwa so großartige Darsteller wie Željko Ivanek oder eine ungewöhnliche Herangehensweise an das Thema Alien-Invasion.

Es gab viele Faktoren, warum es letztlich nicht geklappt hat: „The Event“ war selbst für Science Fiction stellenweise erschreckend unrealistisch. Wie zum Beispiel Super-Sean mit ein paar Computercodes jedes Sicherheitsystem knacken konnte, ganz egal, wo er gerade war, auf rasanter Verfolgungsjagd oder im Flugzeug hoch über den Wolken. Die Serie wusste nicht recht, was sie sein wollte: Alien-Science-Fiction oder nur eine Light-Version des Agenten-Thrillers „24“ mit leicht anderen Vorzeichen?

Vor allem sollte „The Event“ zwei Dinge gezeigt haben: Wird die „Das nächste ‚Lost‘?“-Büchse einmal aufgemacht, dann kommt eine Serie von den Erwartungen kaum mehr los, und diese Erwartungen müssen fast zwangsläufig enttäuscht werden. Zumal, und das ist das Zweite, der Zauber von „Lost“ sich für viele rückblickend ohnehin als trügerisch herausgestellt hat. Die Serie war und ist ein popkulturelles Phänomen, hat aber in der Retrospektive definitiv etwas von ihrer Besonderheit verloren, als sich herausstellte, dass die Autoren eben doch nicht so genau wussten, was sie taten. Die Aussicht auf ein „neues ‚Lost'“ hat also nicht einmal die Wirkung, die man ihr noch vor wenigen Jahren zugetraut hätte.

Übrigens: „The Event“ hat wie auch „FlashForward“ von Anfang an auf einen bestimmten Punkt abgezielt, die Erwartungshaltung also noch einmal vervielfacht. Das hat „Lost“ nie. Ein gutes Beispiel einer Serie, bei der es zu Beginn auch nicht so war, die sich aber ähnlich erstaunlich entwickelt, ist „Fringe“. Aber auch hier muss sich erst noch zeigen, ob es ein „Endgame“ geben kann, das den zurzeit erzeugten Erwartungen überhaupt gerecht werden kann. Aber die Hoffnung ist groß. Und soweit ich mich erinnere, hat bei „Fringe“ anfangs niemals jemand einen Nachfolger des großen Insel-Dramas gewittert. Womöglich ein Zeichen, dass der „Lost“-Fluch an dieser Serie vorbeiziehen könnte. Hoffentlich.