Neulich im IC nach Sylt: Eine ältere Frau und ihr vielleicht zehn- oder elfjähriger Enkel sitzen sich in einem Vierersitz gegenüber. Auf dem Tisch, wo einst Malhefte und Saftpackungen das Szenario dominiert hätten: sein Laptop – und ihr Liebesroman mit einem „Dr.“-Irgendwas auf dem kitschigen Titel. Während sie vollkommen vertieft ist in die romantisch-erotischen Abenteuer eines Bergarztes und seiner drallen Krankenschwester, blickt er stoisch auf die immerselbe Stelle auf dem Bildschirm. Das Ganze über eine Stunde lang. Irgendein Lernspiel, ruft die Optimistin in mir. Wie ein künftiger Killergamer wirkt der Junge mit seinen strahlend blauen Kulleraugen jedenfalls nicht.

Seine einzige Regung: das Klicken der Maus. Ihr einziges Lebenszeichen: das gelegentliche Seufzen. Letzteres könnte ich mir vor lauter Faszination für das Bild vor mir aber auch hinzufantasiert haben.

Ich wünschte, ich hätte tatsächlich ein Foto von Oma und ihrem Enkel gemacht. Buch und Computer sind die symbolische, der Tisch zwischen ihnen die tatsächliche Kluft. Beide sind vollkommen versunken in ihre jeweilige Welt. Der Kleine, wegen des WM-Maskottchens auf seinem T-Shirt heißt er in meinem Kopf bloß „Zukami“, wendet selbst dann nicht den Blick vom Laptop, als sein Vater anruft (übrigens mit einer Szene aus „TKKG“ als Klingelton – episch!).

Aufgelegt. Weitergeklickt.

Kurz darauf schaut „Zukami“ auf einmal auf. Er ist es sogar, der Oma dazu drängen muss, die Augen ebenfalls mal kurz vom Schmöker zu lösen. Erst als ich rausschaue, verstehe ich, was seine plötzliche Faszination erklärt: Unter uns erstreckt sich das Grün, durchbrochen nur vom mächtigen Nord-Ostsee-Kanal, über den sich gerade gemächlich ein großes Containerschiff schiebt. Begeisterung für Schiffe und Brücken – nein, „Zukami“ ist definitiv kein Killerspielfan.

Mit der Aufmerksamkeit für die Natur ist es jedoch schnell wieder vorbei, und der Klickspaß geht weiter. Unwillkürlich muss ich daran denken, wie meine Eltern meinen Bruder und mich früher dazu anhielten, bei Autofahrten aus dem Fenster statt auf den Gameboy (schon in Farbe!) zu starren. Hat auch nie sonderlich lange gewirkt.

In dem Moment meldet sich das Handy meiner Sitznachbarin mit einem dröhnenden HipHop-Song. Ich wünsche mir „TKKG“ zurück. Aber „Zukami“ ist schon fast am Ziel angekommen. Woher ich das weiß?

Der Laptop ist aus.


(Importiert vom eingestellten Tumblr-Blog „Digital Media Stories“)