Die Tatsache, dass ich mir fast zwei Wochen Zeit gelassen habe, um meine Eindrücke von der Jahrestagung des Netzwerk Recherche aufzuschreiben, spricht bereits Bände. Vielleicht habe ich zuviel erwartet. Vergangenes Jahr verließ ich die Tagung mit großen, staunenden Augen; es war quasi das erste Mal, dass ich zwischen all den Großen des Business saß, mich offensiv vernetzte, außerhalb eines Seminarraums intensiv über Medienthemen diskutierte.

Freilich wunderte mich die Internet-Resistenz gestandener Journalisten auch schon 2009. Zugegeben: Das Thema Online-Journalismus war nicht so in Außenseiter-Panels begraben in diesem Jahr, aber die Prominenz, die ihm gebührt, hatte es nach wie vor nicht. Und wenn doch, dann blieben die Diskussionen oberflächlich. Wie kann man im Juli 2010 zum Beispiel über Paid Content sprechen und weder Flattr noch Kachingle erwähnen? Ein Panel auf dem Stand von vor zwei Jahren, wie ich via Twitter mitbekam.

Dass dies möglich war – per Twitter zu lesen, was gerade bei einer parallelen Veranstaltung passierte -, war eine Seltenheit, glänzten doch selbst die zahlreichen anwesenden iPhone-Besitzer mit Twitter-Abwesenheit. Zehn, vielleicht fünfzehn twitternde Teilnehmer waren wir in der Rush Hour, was schade war, hatte doch das gleichzeitige Schreiben über das Gesehen und Gehörte bei Konferenzen wie der re:publica oder der Next stets einen Mehrwert für den Besucher. Wie oft habe ich bei der Jahrestagung des Netzwerk in einer Sitzung gehockt und mir gewünscht, zu wissen, ob irgendwo etwas Spannenderes passiert?

Damit hätte ich auf dieser Konferenz nicht rechnen sollen. Was der Next ihre Krawatten waren, waren dem Netzwerk Recherche die traditionellen Offliner, für die das Internet im schlimmsten Fall nicht mehr als eine lästige Zeiterscheinung ist, die aber nicht die Branche zu revolutioneren vermag. Da wird mir schon langweilig, wenn ich das aufschreibe. Daniel Schmitt von Wikileaks nahm in dieser Umgebung ebenso wenig fundiert und detailliert Stellung, etwa zu der Anklage gegen einen vermeintlichen Informanten, wie ein Panel zu Sozialen Netzwerken als Recherchetool wirklich Neues ergab.

Was gut war
Um das Fazit nicht in komplettes Netzwerk-Recherche-Bashing ausarten zu lassen, sollte ich vielleicht noch meine Höhepunkte erwähnen, denn es war natürlich nicht so, dass ich mich zwei Tage lang zu Tode gelangweilt habe. Die Zapp-Erzählcafés waren wie im vergangenen Jahr sehr kurzweilig; hier betonte Ines Pohl von der taz die Wichtigkeit für ihre Zeitung, sich auch crossmedial zu positionieren (man müsse sowohl „Holttaz“ als auch „Elektrotaz“ bedienen), und der freie Journalist Tom Schimmeck plauderte – PR!, wie Moderatorin Julia Stein ganz in „Zapp“-Manier offenlegte – über sein Buch „Am besten nichts Neues: Medien, Macht und Meinungsmache“. Er hatte zwar hier genau wie zuvor auf einem Panel über die Ausbeutung freier Journalisten keine Lösung für die Dilemmas des heutigen Journalismus parat, was aber nichts daran änderte, dass seine Ausführungen zu den interessantesten der Konferenzen zählte.

Überhaupt waren es für mich als freie Journalistin (das war ich so vergangenes Jahr noch nicht) natürlich die erfahrenen Freien, darunter Silke Burmester (unter anderem taz), deren Standpunkte zu Themen wie PR, sich unter Preis verkaufen oder den Umgang mit Redaktionen am Wichtigsten waren. Leider kam die Tagung auch hier nicht über die seit Monaten wiedergekäuten Sparplatitüden und Kompromissbekundungen hinaus. Aber wiederum: Was hab ich denn erwartet? Dass da jemand im stillen Kämmerchen an einer Lösung getüftelt hat und sich die ausgerechnet für dieses Wochenende aufgespart hat, bloß damit sich meine 100 Euro bezahlt machen?

Wahrscheinlich werde ich dieses Geld auch im kommenden Jahr wieder ausgeben, ja ausgeben müssen. Wenn man als Freie auf solchen Treffen eines immer wieder merkt, dann ist es, dass Präsenz wichtig ist. Und wenn nur, um hinterher sagen zu können, was man alles besseres mit der Zeit hätte anfangen können…