„Neulich in der Pizzeria“, erzählte mir ein Freund heute Abend, da habe er eine alte Klassenkameradin aus Grundschulzeiten wieder getroffen, nennen wir sie Simone. Eigentlich hätte er ihr und ihrem Tratschverein am Nachbartisch keinen Gedanken gewidmet, immerhin habe man sich ja auch seit ungefähr der dritten Klasse nicht mehr unterhalten. Kein Problem, dachte ich, sprichste halt einfach nicht mit ihr, sofern es sich nicht ergibt. Kennt man ja.
Sein Dilemma aber war ein anderes. Man sei ja seit Kurzem bei Facebook befreundet, weil ihre Anfrage so lange unbeantwortet blieb, bis es dann doch ein wenig unangenehm wurde. Und jetzt sei man halt – im Internet! – befreundet. Doch damit nicht genug. Eigentlich wäre auch das noch kein Problem gewesen, meinte er, denn mehr als ein flüchtiges Grüßen könne man ja für die meisten seiner über 200 sogenannten Freunde ohnehin nicht erübrigen.
Nun hatten mein Freund und seine Simone allerdings nicht nur lose Freundschaftsbekenntnisse via singulärem Knopfdruck ausgetauscht, sondern auch diverse Naturalgüter: Kühe, Pferde und was man halt so seinem Farmville-Nachbarn überlässt. Und wie spricht man nun im wirklichen Leben mit jemandem, den man eigentlich gar nicht kennt, mit dem man aber in der virtuellen Landwirtschaft inzwischen so intim ist wie der liebevolle Bauer Bruno und seine Anja? Schöne neue Welt.
Aber jetzt zurück zum Thema.

Beim Deutschlandfunk: Überbleibsel aus analogen Zeiten - so wurden früher Töne für Hörspiele aufgezeichnet



Grimme-Seminar, Tag 2

Vielleicht doch noch ein paar rasche Worte zum Medien-Seminar des Grimme-Institus in Köln, dessen heutiges Highlight in Form von Süddeutsche-Rechercheur Hans Leyendecker leider auf Grund der aktuellen Nachrichtenlage ausfiel. Einen sehr kurzweiligen, weil amüsanten und lehrreichen Vortrag hielt TV-Produzent Karl-Heinz Angsten, ehemals Formatentwickler beim WDR und heute bei einer externen Firma vor allem fürs Privatfernsehen tätig, Bereich Dokutainment. Für mich gibt es bekanntlich nichts Schlimmeres als „Supernanny“ und Co., was ich an dieser und anderer Stelle sicherlich auch schon habe raushängen lassen.
Da Herr Angsten nun zu einem Seminar für (angehende) Medienjournalisten eingeladen war, wohlgemerkt nicht zum ersten Mal, nutzte er seine Chance, uns all das als „No Go“s auf den Weg mitzugeben, was seiner Ansicht nach im deutschen Medienjournalismus falsch läuft: von der pauschalen Ablehnung privater Entertainmentformate – siehe drei Sätze zuvor – bis hin zu mangelndem Verständnis der Entwicklung von Einschaltquoten und fehlendem Hintergrundwissen über Programmentscheidungen. Ohne mich jetzt weiter mit den Tätigkeiten von Herrn Angsten oder den von ihm (mit)entwickelten Sendungen beschäftigt zu haben, wage ich zu sagen, dass das durchaus Hand und Fuß hatte. So argumentierte er unter anderem mit dem sogenannten Abwärtsvergleich, der etwa den Erfolg der „Supernanny“ zu verstehen helfe: Als Zuschauer könne man – die Argumentation kennt man ja – sehen, dass es anderen viel schlechter geht. „Mein Kind kratzt und beißt zwar, aber es schießt nicht“, kommentierte er, angeblich auch aus eigener familiärer Erfahrung, die Einschaltgründe des Otto-Normal-Zuschauers.
Dass es ihn als Produzent von Fernsehunterhaltung stört, wenn ein Medienjournalist seine Sendung verreißt, womöglich noch die Einschaltquote pauschal als Indiz des Scheiterns interpretiert, ist sicherlich verständlich. Seinen Wunsch, Berichtende mögen doch bitte die oben genanntenn Programmierentscheidungen etc. berücksichtigen, allerdings kann ich nicht ganz unterstützen. Es ist seit dem vermehrten Aufkommen von Dokutainment-Formaten ebenso wie Casting-Sendungen viel darüber diskutiert worden, warum „dieser Kram“ so erfolgreich ist; ich erinnere mich etwa an psychologische Analysen des Castingbewerbers, regelmäßige Diskussionen über die Ausbeutung des Casting-Bewerbers oder die Frage, wie bescheuert und verzweifelt man eigentlich sein muss, um sich vor laufender Kamera à la Brigitte Nielsen einer Schönheitsoperation nach der nächsten zu unterziehen.

Eine Kritik ist eine Kritik ist eine Kritik

Vor allem die Frage nach der Henne und dem Ei ist oft gestellt worden: Was war zuerst da, die neue Art von Unterhaltung oder der Zuschauer, der auf diese neue und streitwürdige Art unterhalten werden möchte? Es ist wohl eine der großen Fragen des MedienJournalismus, die sich mir auch nach jahrelanger Ausbildung nicht erschlossen hat. In jeden Artikel über neue Sendungen, jede Rezension, jeden Nachdreh zu einer Show den Hintergrund einfließen zu lassen, halte ich für unrealistisch und unnötig. Denn eine TV-Kritik ist eine TV-Kritik, egal, ob drin steht, dass die Macher ja „nur“ auf einen Bedarf der fernsehenden Bevölkerung reagieren oder nicht. Und seien wir ehrlich: Nur weil in einer Besprechung steht, dass die Programmentscheider sich was dabei gedacht haben oder das Format gerade exakt in den Zeitgeist passt, werde ich die Sendung noch lange nicht sehen. Ich will sie mal gesehen haben, wenn die inflationären alle darüber sprechen („DSDS“ mal ausgenommen, da habe ich durch diverse Anrufe in Staffel eins genug Schaden angerichtet) oder die Kritik wirklich gut ausfällt.
Und bin ich ein Typ, der generell auf Fremdschämen steht, dann werde ich die jüngste dafür gedachte Show auch so sehen, ob die Kritik nun gut ausfällt oder nicht. Oder nicht?