Gerade noch im australischen Outback, schon inmitten der größten Geeks des deutschen Landes. In den kommenden Tagen lest ihr hier, wie es auf der Internet-Konferenz re:publica 2010, dieses Jahr unter dem Motto Nowhere, so läuft. Erwartet keine ausführlichen Berichte von allen Panels, sondern meinen ganz persönlichen, noch von meiner Web-armen Australienreise beeinflussten Blickwinkel.

Jeff Jarvis
Entschuldigt die unverschämt offensichtliche Überschrift, aber wenn Jeff Jarvis so plakativ sein darf, dann nehm ich die Vorlage doch einfach mal auf… Unter dem Titel „Privacy, Publicness and Penises“ hat er wie nicht anders erwartet einen sehr interessanten und kreativ bebilderten (siehe Fotostrecke) Vortrag gehalten, der allerdings nicht viel Neues enthielt.
Er fragte: Kann man von dem intensiven Wunsch der deutschen Internetnutzer nach Privatsphäre im Internet etwas lernen? Ja, findet der „Was würde Google tun?“-Guru, nämlich dass wir statt um uns um den Verlust der Privacy zu sorgen lieber die Publicness verteidigen sollten. „We, the public, own what’s public“, sagt er, und da Jarvis zufolge heutzutage so gut wie alles öffentlich ist, sind für ihn weder die Ablehnung von Google Street View noch ein Schamgefühl wegen angeblich peinlicher Facebook-Fotos verständlich.

Gut: Habe ja ein Problem mit dem Jarvis-Hype, aber seit er aus sehr guten Gründen sein iPad an Apple zurückgeschickt hat, ist er mir sympathischer. Und was den von ihm beschriebenen Wert selbst intimster Details in der Öffentlichkeit angeht – er erzählte von der überwältigenden Resonanz auf seine Prostatakrebs-Postings -, kann ich nur zustimmen. Aber…

Nicht so gut: …was, wenn ich nicht so public sein möchte? Jarvis vernachlässigte, dass die Internetaffine bis -verrückte Generation nur einen kleinen Teil der Bevölkerung ausmacht (nicht jeder aus der Generation 50+ ist so webwild wie meine Eltern) und es noch lange hin ist, bis das anders ist. Und selbst unter uns Netizens gibt es jene (mich zum Beispiel, aber dazu später mehr), die sich nie so ganz wohlfühlen mit dieser neuen Realität, die unaufhaltsam scheint…

Was ich gelernt habe: In den USA sind gemischte Saunen undenkbar, Jeff Jarvis hat einen „Google shadow the size of Utah“ und unbedingt dieses Video angucken.

Peter Kruse
Ein Mann, von dem ich bis heute Nachmittag nicht einmal gehört hatte: Kruse ist Psychologie-Professor in Bremen und sollte zum Thema „What’s next? Wie die Netzwerke Wirtschaft und Gesellschaft revolutionieren“ referieren; im großen Saal im Friedrichstadtpalast – das musste also was Tolles sein. Zwar ging das Ganze etwas am erwarteten Thema vorbei, da sich Herr Kruse wohl kurzfristig entschlossen hatte, eine lange aufbewahrte Studie über deutsche Internetnutzer eigens für die re:publica auszuwerten; aber der Vortrag regte sehr zum Nachdenken an und klärte vor allem eine zentrale Frage: Warum bloß diskutieren die Leute, wenn es um die Zukunft mit dem Internet geht, immer so aneinander vorbei? Das war sein Ausgangspunkt (aktuelles Beispiel: diese Sendung bei Maybritt Illner vergangene Woche), das Ergebnis: Die Faktenlage ist nicht das Problem, wenn über das Netz diskutiert wird, sondern um die unterschiedlichen Wertemuster, die uns nicht bewusst sind. Die Studie ergab nämlich unter anderem, dass sogenannte Digital Visitors zwar ebenso aktiv im Web sind wie die Digital Residents, aber mehr aus Pflichtbewusstsein heraus als dass sie es wirklich aus Überzeugung wollen würden. Zudem sehen die Besucher eher die Gefahren als das Potential.

Gut: Die Thematik lässt sich schwer beschreiben; gut also, dass es die Folien von Peter Kruse hier zum Anschauen gibt.

Nicht so gut: Grafiken mit vielen bunten Punkten gaukeln mir einen kleinen Rausch vor, ergeben aber auch ungefähr so viel Sinn wie es wohl unter Drogen wäre.

Was ich gelernt habe: Ich bin ein Visiting Resident. Denn wie schon in Bezug auf Jeff Jarvis‘ Vortrag erwähnt, sehe ich sehr wohl die Vorteile der neuen Online-Lebenswelt und halte mich – oder hielt mich jedenfalls vor Australien – für einen Netizen, bin aber gleichzeitig voller Sorge. Sorge um meine Privatsphäre, Sorge, dass mir die Dinge, die ich liebe von Büchern und CDs bis zu „echten“ Freundschaften, verloren gehen. In Kruses Studie unter Heavy Usern wäre ich also wohl in der Schnittmenge, unter den Streuungen, nichts Halbes und nichts Ganzes. Auch okay. Denn:

Die Lawine donnert bereits zu Tal. Überzeugungsarbeit ist eigentlich nicht notwendig. Und bist du nicht willig, so brauchst du Geduld.

Peter Kruse auf der re:publica 2010

Sascha Pallenberg
Begeistert davon, dass es in der Kalkscheune tatsächlich Internet gab (im Friedrichstadtpalst wie schon 2009 nicht wirklich), habe ich diesen Vortrag zum Thema „Blogs monetarisieren, aber wie?“ nur mit einem Ohr verfolgt, was aber auch nicht schlimm war. Denn:

Was nicht so gut war: Wer glaubt, er könne zwischen „Tagesschau“ und „Lost“ mal eben ein bisschen bloggen und damit Geld verdienen, der irrt sich, war die zentrale Aussage. Der Vortrag war also mehr für diejenigen, die Bloggen zu ihrem Fulltime-Job machen wollen („Mein Tag hat 48 Stunden, und ich brauche 72“, „Das ist kein Job für mich, das ist ein Lifestyle“). Wer wie ich Tipps erwartete, sein Hobby- oder Nebenjob-Blogging wenigstens zu einem kleinen Taschengeld machen zu können, der konnte getrost auch mit beiden Ohren weghören.

Was ich gelernt habe: „Sie sind verbunden“ ist dann doch was anderes… Auf dass am zweiten Tag vielleicht ein paar helle Momente am dunklen W-Lan-Horizont auftauchen!

Sascha Pallenberg auf der re:publica 2010