Die Medien haben unheimlich viel geschrieben über die diesjährige re:publica, den „Kirchentag für die Internetgemeinde“ (stern.de) – oder auch: „Geek-Klassenfahrt“ (@Nico). Die FAZ meinte, eine anachronistische Entwicklung festzustellen, gar einen Riss in der Matrix, und auch Spiegel Online diagnostizierte eine Spaltung der Lager. (Lesenswert: Thomas Knüwer über die Berichterstattung der traditionellen Medien zur Konferenz und ihren Neid.)

Logo der re:publica 2010

Für mich war die re:publica 2010 vor allem eins: drei sehr interessante Tage – allerdings mit weniger Highlights als erwartet. Das waren meine Höhepunkte in Berlin:

Fast jeder schwärmt jetzt und schwärmte auch schon während der re:publica von einem Vortrag, mich eingeschlossen. Da ginge ja ohnehin nichts mehr drüber, sagten gar die Veranstalter: Peter Kruse, der an Tag 1 beeindruckend erklärte, warum wir bei Diskussionen zum Thema Internet nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen können. Eine schöne Zusammenfassung der Thesen und ein Video des Vortrags findet ihr im Blog Digital Government 2.0, die Folien von Herrn Kruse sind ebenfalls online.

Ein weiteres Highlight wurde an Tag 3 geboten: Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel (Website) sprach über Algorithmen, denen wir uns unterwerfen – was okay ist, solange es um Profanes wie empfohlene Musik geht. Sie entwarf jedoch das Bild einer möglichen Zukunft, in der auch andere Bereiche, zum Beispiel unsere sozialen Kontakten oder Liebesdinge, computerisiert werden – gruselig. Wer Frau Meckels Theorien hören will, der findet bei dctp.tv ein Interview, in dem sie noch mal mit etwas mehr Ruhe erklärt, worum es ihr geht. So habe ich auch endlich verstanden, was sie eigentlich sagen wollte. Ein Highlight, weil mir ihr Realismus gefällt, nämlich die Notwendigkeit und die Chancen der neuen Technologien, anders als Jeff Jarvis etwa dabei jedoch die Risiken nicht unter den Teppich kehrt.

Felix Schwenzel von wirres.net

Foto, courtesy of bosch_HH, Creative Commons

Götz Werner liefert in seinem Vortrag über das bedingungslose Grundeinkommen, da stimme ich Thomas Knüwer zu, eines der besten Zitate auf der re:publica: „Wer Wege finden will, findet Wege. Wer keine finden will, findet Gründe.“ Habe ich aber auch schon mal irgendwo gehört…

Was außerdem gut war: Jeff Jarvis, weil er vom Inhalt abgesehen sehr unterhaltsam war ist, und Felix Schwenzel, weil er genauso schön wirr wie seine Website ist und mich sehr zum Lachen gebracht hat (einen semi-guten Mitschnitt von „Warum das Internet nervt“ gibt es hier).

Fazit
Es ist erst mein zweites Jahr als Nerd, bei Twitter habe ich gerade mal anderthalb Jahre auf dem Buckel – und auch die re:publica habe ich 2010 erst zum zweiten Mal erlebt. Was zur Premiere, als ich auch noch Studentin war, etwas einschüchternd und insgesamt überwältigend interessant wirkte, habe ich 2010 schon ein wenig nüchterner gesehen. Vor allem Tag 2 war für mich kaum ergiebig, von netten persönlichen Kontakten abgesehen.
Und so werde ich mich an die geschilderten Highlights erinnern, natürlich an die spontane Queen-Karaoke-Session sowie sehr viele interessante Gespräche mit den Menschen hinter den Avataren – und ihren iPhones.

Danke an das Team der re:publica 2010, das eine sehr professionelle und vielseitige Veranstaltung auf die Beine gestellt hat und vor allem jede Anregung aufgesogen hat, um 2011 ein noch besseres Event zu stemmen. Bis dahin!