Anders als man in der isolierten Welt der Serienjunkies weisgemacht bekommt, sind Freunde des Originaltons nach wie vor selten. Will man „House“ und nicht „Dr. House“ sehen oder favorisiert man die tatsächliche Stimme von Terry O’Quinn in „Lost“, ist man hierzulande als Junkie oft allein auf weiter Flur – oder in unserem Fall auf der Couch. Wie schön es sein kann, das Englisch-Schauen mit anderen zu teilen und nach Belieben über Sinn und Unsinn des Synchronisierens zu philosophieren, war meine Serien-Erkenntnis Nummer eins auf acht Wochen Reisen durchs ferne Australien.

Das Land, so schön es auch ist, hat sich in mehrerer Hinsicht so viel in Amerika abgeguckt, dass man es beinahe Little USA nennen könnte: Low-Fat-Lebensmittel im Supermarkt, Fast-Food-Angewohnheiten, Lifestyle; schlägt man die Fernsehzeitung auf, dominieren Kopien von Formaten wie „So You Think You Can Dance“ und diverse US-Serien das Bild und von den Plakatwänden in jeder Stadt schaute mich Julianna „The Good Wife“ Margulies an. So wie Serien-Eigenproduktionen in Deutschland immer seltener werden, scheint sich auch das australische Fernsehen mehr und mehr auf die günstigeren US-Importe zu verlegen. Landeseigenes wird langsam aber sich dezimiert, das zeigen auch die kürzlich bekannt gegebenen Nominierungen für den Logie Award, Australiens Emmy: In den Kategorien beliebtester Schauspieler und beliebteste Schauspielerin sind ausschließlich Darsteller aus zwei Serien nominiert, der Endlossoap „Home and Away“ und dem jungen Familiendrama „Packed to the Rafters“. Es gibt, so scheint es, schlicht keine andere Wahl.

US-Serien legen sich die Aussies (spricht sich Ossis) hingegen besonders ins Zeug: „Programming this brainless makes me wish I didn’t own a TV“, schrieb neulich eine Kritikerin in einer australischen TV-Zeitschrift über den späten Sendeplatz von „30 Rock“. „30 minutes before midnight for the first run of a series that was last year nominated for 22 Emmys? Excuse me while I download.“ Die Empörung anderer Zuschauer klingt ähnlich, wie in der Gratiszeitung MX zu lesen ist: „Timeslot simply won’t rock“ war die Leserbriefrubrik an einem Tag überschrieben. Gut zu wissen, dass australische Serienfans ähnliche Probleme haben wie wir. Was denen da drüben allerdings nicht bewusst ist: Wir deutschen Junkies haben noch ganz andere…

Synchro-was?
Amis, Briten, Skandinavier und Holländer wissen gar nicht, wie gut sie es haben: Alles wird im Originalton gezeigt, Schauspieler dürfen ihre Stimmen behalten, Charaktere ihre natürliche Farbe. Das nervigste sind die Untertitel. Synchronisation, so gut sie in Deutschland im Vergleich zu Ländern wie Spanien oder Russland auch sein mag, ist eine Plage, was jedem von uns bewusst ist, der mal eine Weile aufs Original umgestiegen ist. Die meisten Reisenden, denen ich während meiner Zeit in Australien davon erzählt habe, quittierten das Thema mit einem entgeisterten Kopfschütteln: „What do you mean by dubbing?“, fragte mich eine Amerikanerin, nachdem ich auf Englisch einen regelrechten Wortschwall über das geringe Für und das überwiegende Wider des Synchronisieren abgelassen hatte. Weil die Synchronisation als solches denen, die ich gerne als Native Speakers bezeichne (Briten, Amerikaner, Australier…), fremd ist, konnte sie vom reinen Wort dubbing nicht erschließen, was ich ihr sagen will. „But they don’t sound like themselves then“, erwiderte sie ratlos, als ich ihr erklärt hatte, wie so was bei uns vonstatten geht, gefolgt von einer Auflistung von Filmen und Serien, die ich ihrer Meinung nach unbedingt mal auf Englisch schauen müsse, weil sie von den Stimmen ihrer Darsteller lebten, allen voran Johnny Depps Jack Sparrow in der „Fluch der Karibik“-Reihe. Been there, done that, hon.

Gerne hätte ich mehr Zeit gehabt, um mit dem ein oder anderen Reisenden aus Dänemark oder Schweden, mit dem ich mich über das Thema unterhalten habe, eine Strategie auszuarbeiten. Einen Plan, um auch Deutschland endlich zu einem O-Ton-Land zu machen. Nur fürchte ich, den Menschen die Vorteile zu erklären und ihr Bewusstsein für die Idee zu öffnen allein würde solange dauern, dass ich gar nicht mehr vom revolutionierten deutschen TV profitieren könnte. Dann reise ich lieber ab und an und genieße in anderen (englischsprachigen) Ländern die Vorteile des echten, des wahren Fernsehens: vor der Glotze sitzen, entspannt zappen und überall von Englisch sprechenden Stimmen empfangen zu werden – herrlich!

Allerdings ist man auch im 17.000 Kilometer entfernten Australien, selbst halb im Outback, nicht vor Erinnerungen aus der deutschsprachigen Fernsehheimat gefeit: Beim multikulturellen Sender SBS läuft „Kommissar Rex“ in Dauerschleife, unter dem Namen „Inspector Rex“ – und hat tatsächlich Zuschauer, wie mir die Begegnung mit einem Mittvierziger-Monstertruck-Fahrer bewiesen hat. Australien ist eben ein sehr ungewöhnliches Land…

Disclaimer: Dieser Text ist zuvor bereits bei serienjunkies.de erschienen.