Mit Herbert Grönemeyer hab ich’s ja eigentlich nicht so, aber besser als mit seiner Textzeile „Was soll das?“ ist nicht zu umschreiben, was mir seit einigen Wochen beim Durchsehen von Twitter, Facebook (wo ich’s bereits auf der Ignore-Liste habe) und Co. durch den Kopf geht. I’m at … klingt es aus allen Ecken, jeder dritte hat neuerdings das Bedürfnis, mir mitzuteilen, wo in unserer schönen Welt er sich gerade herumtreibt, in exakt welcher Location. Dass im Tweet keine Koordinaten mitgeliefert werden, ist wohl auch nur eine Frage der Zeit.

Was soll das?

Foursquare nennt sich diese Geschichte, deren Aufmachung samt Bürgermeister-Status auf den ersten Blick so harmlos wirkt, dass ich sie beinahe in dieselbe Ist-mir-wurscht-Schublade wie das Habbo Hotel gesteckt hätte. Aber weil das Geotagging seit neustem eine essentielle Funktion dieser Gaga-Spielerei ist, wäre das Schließen der Schublade in diesem Fall fatal. Denn anders als beim immer wieder nützlichen Städteguide-Portal Qype wird hier – soweit ich erkennen kann – nichts empfohlen; und das Erreichen irgendwelcher spielerischer Buttons wie bei Facebooks Fish-/Farm-/Whateverville scheint mit seit der Neuerung nicht mehr das erklärte Ziel zu sein.

Was soll das? frage ich deswegen. Woher kommt dieses Bedürfnis, seine Mitmenschen auf die Hausnummer genau mitzuteilen, wo man gerade herumspringt? Und vor allem: Denkt ihr noch über die Konsequenzen nach? Über die Tatsache, dass es nicht besonders klug ist, der Welt jedesmal zu verraten, dass man das Haus verlässt? Arbeitgeber, Freunde, Nicht-Freunde, die jederzeit wissen, wo man gerade ist, wenn man womöglich behauptet hat, woanders zu sein? Von Cyberstalking, das zu wahrem Stalking werden kann, mal ganz zu schweigen.

Ich weiß, dass Geotagging nichts mehr allzu Neues ist. Meines Wissens nach kann (oder konnte?) man zum Beispiel bei Twitter ebenfalls anzeigen lassen, wo man sich gerade befindet. Und überhaupt ließe sich in kindischer Ätschibätsch-Manier anführen, dass ja auch Twitter Unsinn sei und die Privatsphäre aufs Unerträgliche überspanne und ich dort ja schließlich auch aktiv dabei sei. Aber zwischen beiden ist ein himmelweiter Unterschied: Während Twitter eindeutige Vorteile hat, die an dieser Stelle nicht noch mal thematisiert werden sollen, erschließt sich mir nichts Positives an dem beschriebenen Part von Foursuqare.

Dass jeder Nutzer schon selbst entscheiden muss, könnte man jetzt sagen. Dass es letztlich so ist wie mit der selbst gewählten Privatsphäre in Social Networks: Wer sich nicht im Netz entblößt, der muss sich auch nicht sorgen. Fein. Wenn aber jemand zuerst per Foursquare mitteilen lässt, dass er gerade im Steakhaus in der Soundsostraße sitzt, um dann bei Tisch (oder später per Blog, Twitter etc.) über die Aushöhlung unserer Privatsphäre von staatlicher Seite zu schimpfen, dann ein gut gemeinter Rat: Fasst euch an die eigene Nase!

Wer freiwillig sein komplettes, einst privates Fotoalbum bei Facebook einstellt, seine Lebensgeschichte inklusive sexueller oder gastronomischer Vorlieben twittert oder eben per Foursquare die Nachverfolgung seines Alltags so einfach macht, der verspielt in meinen Augen das Recht, sich über die Vorratsspeicherung seiner Daten zu beklagen, Netzsperren anzufechten oder Facebook die Schuld dafür zu geben, was öffentlich ist oder nicht. Ist es nicht heuchlerisch, über Nacktscanner zu jammern, wenn man sich online freiwillig derart nackig macht?

Ich plädiere nicht für einen Social-Media-Selbstmord, nur ein wenig mehr Bewusstsein über die Armada von Informationen, die ein jeder täglich dem Netz anvertraut.