Es war einmal vor sehr langer Zeit, da entdeckten die jungen Menschen dieses Landes, wie viel Spaß es macht, im sogenannten Internet zu surfen. Sie kannten nicht den Unterschied zwischen Internet und World Wide Web. Das Märchen vom Arbeitgeber, der einen nicht einstellt, wenn man Partyfotos von sich „hochlädt“, gab es noch nicht. Diese Jugendlichen sorgten sich nicht um Datenkraken namens Google und verschwendeten auch sonst keinen Gedanken daran, wer in ferner Zukunft mal ihre intimsten Gedanken lesen könnte, die sie auf die virtuellen Pinnwände irgendwelcher damaligen Freunde schmierten.

Zeitsprung ins Jahr 2009, das – schon im Vergleich zu vor sechs oder sieben Jahren – geradezu futuristisch wirkt: Menschen simsen, twittern, facebooken, informieren sich über Google, Wikipedia oder Spiegel Online. Sie laden ihre Fotos ins Internet, auch von unterwegs, telefonieren per Voice-over-IP, schauen sich Filme im Streaming an und tauschen sich in Blogs und Foren aus. Herrje, wenn ich mir vorstelle, dass Klein-Caro aus dem Jahr 2002 jetzt neben mir am Laptop säße, sie würde vermutlich vor Überforderung hinten rüber kippen.

Damals, kurz nach der Jahrtausendwende – was, wenn mir mal ehrlich sind, zwar noch nicht mal ein Jahrzehnt her ist, aber dennoch so fremd wirkt… – hatte Caro gerade ihre ersten Musikstücke aus dem Internet heruntergeladen. Illegal! Hui! Die CDs existieren heute nicht mehr, Beweisstücke wusste sie schon wenige Jahre später zu vernichten. Zwei der Songs auf der allerersten Selbstgebrannten waren „Crying At The Discotheque“ der Band Alcazar und „Big Girl“ von Emilia. Mehr braucht man über die damalige Caro eigentlich gar nicht zu wissen. Während sie also irgendeinen Chart-Song singend am Computertisch im Dachgeschoss saß – einen Rechner im eigenen Zimmer gab’s seinerzeit noch nicht -, loggte sie sich in der ersten Community ihres Lebens ein: www.uboot.com. Vermutlich wusste sie zu der Zeit nicht einmal, dass sich diese neuartige anonyme Spielwiese Community nannte. Aber sie wusste, dass es hipp war, „im Uboot“ zu sein. Alle ihre Freunde waren schon „drin“.


(Direktuntergang)

So schrieb sie drauf los, auf dieser Seite, die nur ihr gehörte und „Nickpage“ genannt wurde. Sie hinterließ Nachrichten wie „HAPPY BIRTHDAY TOOOO YOUUUUU“ oder „Na, kennste mich noch?“ auf den Seiten von Leuten, die komische Namen wie Oink oder Kleine Zicke trugen und sich mit Motti wie „Lebe dein Leben“ schmückten. Caro war in dieser Welt auch mit Leuten befreundet, die sie gar nicht so gern mochte, nannte sie „Schnucki“ oder „Süße“, so sprach man halt miteinander, wenn man sich dabei nicht ansehen musste.

Und weil man auch das damals so machte, schrieb sie selten Nachrichten über das Uboot. Die Leute sollten ja sehen, worüber man sich unterhielt. Und Caro dachte sich nichts dabei, auf der sogenannten Pinnwand auch ihre Pläne fürs Wochenende offenzulegen oder zu erzählen, wie wenig ihr das Praktikum bei Radio 91.2 in Dortmund einem regionalen Radiosender zusagte. Sie zeigte nicht nur ihr Gesicht auf der Nickpage, sondern auch schon mal Bilder mit Freunden. Und wenn sich mal einer beschwerte, was sie nicht verstehen konnte, setzte sie einfach einen schwarzen Balken über sein Gesicht. Nein, was war diese Caro doch ein lustiger Teenager. Von ihren Eltern ließ sie sich Sachen wie „Sei vorsichtig, was du schreibst“ nicht sagen, die hatten doch keine Ahnung.

Und obwohl sie irgendwann zur Vernunft kam und ihre „Nickpage“ löschte, findet sich so mancher ihrer Einträge mit ein paar einfachen Google-Griffen noch heute im World Wide Web – weil das Internet einfach gnadenlos gemein ist nichts vergisst. Immerhin sorgt das für den ein oder anderen Lacher, wenn man auf Nostalgie steht.

Aber heute ist zum Glück alles besser: Caro ist nur noch bei Facebook. Und StudiVZ. Und Wer-kennt-wen. Und Xing, das muss sein. Und Twitter natürlich. Und Last.fm. Und Blip.fm. Und in der Serienjunkies.de-Community. Und sie bloggt. Aber wenn heute einer ein komisches Bild von ihr ins Internet stellt, schüttelt sie ungläubig den Kopf und bittet um Entfernung. Dass sie bei StudiVZ die Pinnwand nicht abschalten kann, stört sie enorm. Und wenn sie betrachtet, wie offenherzig der ein oder andere mit seinen Daten umgeht, fragt sie entsetzt: Hast du denn keine Ahnung, was damit alles passieren kann?