Es war eine gewagte Idee, mit der der US-Verleger Joshua Karp Anfang des Jahres zur Rettung des gedruckten Wortes auszog. Er glaubte an die Zeitung, nur dass er nicht die Nachrichten von gestern gedruckt sehen wollte, sondern es statt dessen mit dem Ausdruck … ja, man könnte sagen des Internets probierte.

Sein „The Printed Blog“ recycelte Blogeinträge, Flickr-Fotos und Webtipps. Ein Teil der Pracht des Internets – auch für die unwebigsten Passanten gratis zusammengestellt. Hyperlokale Anzeigen sollten die Finanzierung sichern, doch jetzt ist das Geld alle, die letzten Kreditkarten sind am Limit und Erfinder Karp hat kapituliert. Ist die Wirtschaftskrise schuld? War es das Gratismodell? Oder war Joshua Karp schlichtweg naiv, als er versuchte, gegen den Strom zu schwimmen?

Mich hat die Meldung vom Ende des „Printed Blog“ unweigerlich zum Schmunzeln gebracht. Internetausdrucker ist eben nicht nur ein Schimpfwort für die Damen und Herren in unseren Ministerien, die Gesetze gegen das Internet erlassen, während sie selbst vermutlich nicht einmal RSS Feed buchstabieren können. Das Internet ausdrucken zu wollen („Printed Blog“ ist mit der Idee ja nicht alleine), bedeutet eben auch, den entgegengesetzten Weg zu so gut wie allen anderen Medienmachern zu gehen, die sich verzweifelt darum bemühen, die Zeitung zu erhalten und eine starke Vermischung von Print und Online noch immer scheuen. Und gegen den Strom zu schwimmen mag manchmal Erfolg haben, ist aber meistens eine schlechte Idee.

Dass der Freitag vorbildlich voranschreitet und jetzt sogar der Spiegel angekündigt hat, die Magazinredakteure mehr bei Spiegel Online einbinden zu wollen, bedeutet leider noch lange nichts. Es bleiben das Problem der Finanzierung und die Einstellung vieler Printler, die es noch immer für eine Degradierung halten, einen Text für Online schreiben zu müssen. Vor allem aber bleibt die Kluft zwischen und selbst innerhalb der Generationen. Obwohl auch ich seit vergangener Woche in der Welt des immer-und-überall-online-Seins lebe, bin ich dennoch nicht dort angekommen, wo manch hypermobiler Altersgenosse womöglich schon lange ist. Ich lese Zeitung, Magazine, kaufe mir CDs, und ich liebe das Buch mit seinen Eselsohren und seinem Geruch und kann mir nicht vorstellen, es in naher Zukunft gegen einen E-Reader einzutauschen.

Bis auch ich meine Liebe für das gedruckte Wort endgültig an das mobile Web verliere, wird es hoffentlich noch dauern. Aber @Sachark hatte nicht Unrecht, als er mir vor einigen Wochen ankündigte, sobald ich ein Smartphone hätte, würde ich meine Zeitung abbestellen. Da ich im August viel unterwegs sein werde, habe ich mein Süddeutsche-Abo kurzerhand für diesen Monat ausgesetzt. Früher hätte ich die Zeitungen von der Nachbarin sammeln lassen und später zumindest noch ein paar Seiten überflogen. Nun erwische ich mich dabei, wie ich morgens auf dem Weg zur Arbeit die Titelseite überfliege, das Feuilleton durchblättere, dann immerhin die Medienseite aufmerksam lese – um dann zum Handy zu greifen und erst mal meine Feeds und die neusten Nachrichten auf Spiegel Online durchzugehen. Und an einem Tag wie heute, an dem ich nicht gleich morgens um sieben Uhr aus dem Haus muss, liegt meine Zeitung noch immer in ihrer schlanken Plastiktüte vor der Tür und wundert sich, wenn sie nachher ein achtloser Nachbar in den nächstbesten Müll schmeißt.

Joshua Karp war naiv, als er glaubte, er könne das Blog, diese interaktive, sich stets verändernde Eigenart des Webs, in eine Zeitung verwandeln. Aber bin nicht auch ich naiv, wenn ich glaube, dass ich mich dem E-Book oder dem MP3-Download, der Technologisierung meines Alltags allgemein verschließen kann? Ich lebe eben nicht in der Generation meiner Eltern (obwohl selbst die nicht in ihrer Generation leben – Vater Ebay-König und Mutter twitternder Fotocommunity-Fan), sondern wurde nur wenige Jahre vor den ersten Digitale Natives geboren.

Die Zukunft macht mir manchmal Angst. Ich möchte die Druckerschwärze an meinen Fingern behalten, wenn auch nur im übertragenen Sinne, und mir das Gefühl bewahren, wenn ich eine frisch gekaufte CD zum ersten Mal in den Player einlege. Ich möchte fernsehen – mit Werbung und beknackten Vorschauen, weil das irgendwie dazu gehört (ich aber nicht mehr tue, weil das Programm so schlecht ist). Ich möchte, wenn ich in meine alte Heimat fahre, den kleinen Buchladen dort aufsuchen und stöbern können. Und obwohl ich sehr gerne online arbeite, möchte ich als Journalistin auch zukünftig weiter die Chance haben, in einer gedruckten Publikation zu veröffentlichen und voller Neugierde das Blatt auf der Suche nach meinem Artikel aufzuschlagen, um dann festzustellen, dass mich irgendein Idiot mit ‚e‘ am Ende und im Vorspann zwei Wörter falsch geschrieben hat – dieses Gefühl, das ich mit 16 Jahren zum ersten Mal hatte und das mir, wenn ich daran denke, noch heute die Bestätigung gibt, dass Journalistin zu sein genau das ist, was ich immer wollte.

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