von Mirko Lemme

Ich bin kein Fan dieses Seriengenres, das sich „Crime“ schimpft. Und Cliffhanger mag ich auch nicht. Weder den Film (kennt den noch jemand?) noch die Art und Weise, große Teile einer einzelnen Folge zugunsten eines blassroten Fadens konsequent ins Leere laufen zu lassen.

„Life“ und „The Mentalist“ sind an Klippen hängende Kriminalserien. Und ich finde sie toll. Diese Zuneigung ließe sich auf vielen Ebenen analysieren, die US-Serien selber sind aber bereits interessant genug.

Krimiserien habe ich bisher eigentlich eher mit „Tatort“, „Columbo“ und „Miss Marple“ assoziiert. Ersteres depressiv, letztere kultig, aber anscheinend nicht mehr zeitgemäß. Moderner heißt es nämlich: „CSI“, „Criminal Intent“ und andere Klone. Harte Kerle, starke Sprüche, Superbullen. In großen Kinofilmen ist das nicht anders, und die müssen’s ja wissen.

Ein Narr, wer dieses Erfolgsrezept verneinen möchte. Die US-Sender CBS und NBC hingegen nahmen sich anscheinend die Narrenfreiheit und schicken Protagonisten ins Rennen, für die man sich direkt neue Schubladen einfallen lassen muss:

Patrick Jane (Simon Baker in „The Mentalist“) verliert seine Frau und seine Tochter an einen Serienkiller. Er selbst schult sich daraufhin vom Illusionisten zum Berater des California Bureau of Investigations um. Natürlich nicht ganz selbstlos: Er will den Mörder seiner Familie kriegen. Da hätten wir den Cliffhanger. Aber dennoch: Jane heißt nicht nur wie eine Frau, er ist auch mindestens so sensibel. Er legt Karten, redet mit Toten und vertraut auf seinen Dentisten. Der Mann in der Beziehung hingegen ist seine Chefin Agentin Teresa Lisbon: Die glaubt nicht an den ganzen Quatsch. Na ja, gut, Jane ja auch nicht, er beherrscht nur die Kunst, andere das glauben zu lassen. Dennoch: Jane trinkt nicht, raucht nicht, pflegt sich, ist zerbrechlich und kann gut mit Kindern.

Zwölf Jahre im Gefängnis wegen eines nicht begangenen Verbrechens sorgen auf vielen Ebenen für Konfusion. Aber Polizist Charlie Crews (Damian Lewis in „Life“) ist die Ruhe selbst. Neben seiner Entschädigung in Millionenhöhe hat er nicht nur den Dienst in seiner Einheit wieder aufgenommen, sondern auch seinen Weg zur Zen-Philosophie gefunden. Alles hängt mit allem zusammen. So ist auch dieser vermeintlich geschlagene Ritter auf dem Weg, die Verschwörung aufzudecken, die sein Leben temporär und das Leben anderer auf ewig nahm. Crews nervt seine Kollegen und seine Klienten mit Zen-Weisheiten, isst massenweise Obst, investiert sein Geld in erneuerbare Energien statt in Möbel und stellt Ex-Sträflinge an. So viel Gutmenschentum irritiert auch seine Partnerin Dani Reese, die den harten Gegenpart gibt. Und ja: auch Charlie hat, jedenfalls in den ersten Folgen, eine Frau als Chef.

Gut, die Helden sind nach wie vor männlich, gutaussehend und mit zu viel Selbstsicherheit gestraft. Aber sie beginnen, Fehler zu machen. Einfach so, ohne Kommentar. Sie sind auf einem sich selbst aufgebürdeten Feldzug und doch nicht so unkaputtbar wie Bruce Willis. Und sie hören – mehr oder weniger – auf Frauen.

Ob das gut ist? Ich bin da ein bisschen ambivalent.

Analog: So wie „sie“ normalerweise hinter dem Herd steht, so konterkarieren Kochschows diesen Stereotyp mit Lafer, Melzer und Co.

Konkret: So wie Sensibilität, Empathie und Fantasie für weibliche Charakterzüge gehalten werden, so lässt „er“ auch diese Gelegenheit nicht aus, seinen Besitzanspruch auf diesen Charaktertyp durchzusetzen. Und „sie“ benötigt plötzlich die Eier in der Hose, die „er“ sonst immer hatte. Ist das jetzt gesellschaftlich opportun? Männer weich, Frauen hart? Und warum bekommt „sie“ dann nicht ihre eigene harte-Sprüche-Serie? „Lisbon und Reese: Ein stahlhartes Duo im Kampf gegen Hollywoods Verbrechen“.
Es scheint so, als müsse „er“ nach Jahrzehnten des Lernprozesses nur einen kleinen Schritt in Richtung Pflegeshampoo machen, um die neue Männerrolle zu definieren. „Sie“ reißt sich den Arsch auf, schafft es sogar in den Chefsessel, und spielt trotzdem weiterhin zweite Geige.

Alles in allem ein bisschen schön, ein bisschen schade.

Unter uns: Die Serien sind trotzdem gut. Ich wäre jedenfalls gerne so charakterstark wie Jane oder Crews. Aber ich glaube, meine Freundin will weder Reese noch Lisbon sein.

Über den Autor
Mirko ist im echen Leben freiberuflicher Webdesigner (mileon.net) und passionierter Musiker. Er schreibt für das Musikblog von studioPM und zitiert in seiner Freizeit Douglas Adams.