Mit elf, zwölf Jahren hatte ich ein ganz schönes vorlautes Mundwerk, mehr noch als heute. In meiner Straße habe ich im Kreise der Jüngeren stets den Ton angegeben, meinen Bruder rumkommandiert, und wann immer meine Freunde und ich an einer Telefonzelle vorbeikamen, wagten wir die lustigsten Spaßanrufe.

Da wir seinerzeit allerdings nur eine einzige Gratisnummer kannten, die Servicenummer der Telekom nämlich, die immer in den Telefonzellen an der Wand stand, traf es halt immer die dortigen Mitarbeiter. Was wir ihnen erzählten, das uns regelmäßig zum Kichern brachte, weiß ich heute nicht mehr. Vermutlich haben wir versucht, Pizza zu bestellen oder davon geredet, dass unser Telefon kaputt sei und wir sie deswegen nicht anrufen könnten. Nur dass ich Gewissensbisse hatte, daran erinnere ich mich noch. Nach allem, was man heute über die Arbeitsbedingungen und die Einstellungen von Callcenter-Menschen weiß, tut es mir schon weniger leid. Unsere Anrufe, das rede ich mir jetzt einfach mal ein, haben ihnen immerhin etwas Vergnügen in den sonst so harten und tristen Alltag gebracht.

Schon eher bedauere ich einen anderen Spaßanruf, den ich auf dem Übernachtungsgeburtstag einer Freundin machte. Vielleicht war es der Gruppendruck, wohl eher aber die besagte große Klappe, die ich mit mir rum trug. Ich muss schon etwas älter gewesen sein, Ende der siebten Klasse mindestens, wenn nicht in der achten Klasse. An der Schule meiner Freundin war gerade Schüleraustausch mit der französischen Partnerstadt, mein Französisch war nach ein oder zwei Jahren schon so gut, dass ich auserkoren wurde, mich als eine der Austauschschülerinnen auszugeben.

So riefen wir also gegen neun Uhr abends beim Französischlehrer der Klasse an und die Scharade begann: „Bonsoir, Monsieur Meier (beliebig gewählter Name). Je suis désolée, dass isch um diese Urseit anrufee“, erzählte ich halb auf Französisch, halb auf Deutsch. Keine Ahnung, wie viel Französisch ich in dem Telefonat tatsächlich gesprochen habe, aber ich erinnere mich, dass mir später für meine Sprachkenntnisse anerkennend auf die Schulter geklopft wurde und ich ziemlich stolz war, den armen Mann so veräppelt zu haben.

„Isch ‚abe ‚eimwee“, beklagte ich weiter. „Je veux aller à la maison. Isch will nach ‚ause. Jasmin (beliebig gewählter Name meiner angeblichen Austauschschülerin) ist so gemein su miir.“ Für einen Französischlehrer war Herr Meier am anderen Ende der Leitung furchtbar unsouverän und stotterte vor sich hin, während die Mädchen, die neben mir am Telefonhörer hingen, sich nur schwer das Lachen verkneifen konnten.

„Je ne peux plus. La famille ici est très gentille, mais je manque ma maman. Isch vermissee mein Mama“, jammerte ich. „Qu’est-ce que tu veux que je fais à cette heure? Was soll ich denn um diese Uhrzeit jetzt machen? Bist du sicher, dass es nicht mehr geht? Ja… Mensch… C’est …“ und so weiter. Ein paar Tränen habe ich auch noch vorgetäuscht. Damals muss ich gedacht haben, an mir sei eine Schauspielerin verloren gegangen sein. Wieder mein französisches Ich, nachdem er ein paar Minuten auf mich eingeredet hatte: „Okay, isch werde versuchen, mit Jasmin zu reden. Mais si ne marche pas, falls es nischt funksionierte, kann isch nach ‚ause fahren, bitte?“ Wie die Geschichte ausging, muss ich verdrängt haben.

„Jasmin“ gab es übrigens wirklich, auch wenn sie einen anderen Namen trug. Soweit ich mich erinnere, mochten meine Freundinnen sie nicht, ich habe sie nicht einmal gekannt. Bis jetzt habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, ob sie wohl Ärger bekommen hat. So überzeugend wie ich war, muss es ganz schön schwierig für sie gewesen sein, Herrn Meier von ihrer Unschuld zu überzeugen. Solltest du das also lesen, „Jasmin“ – man kann ja nie wissen -, dann: „Je suis désolée. Excuse-moi pour mon attitude.“

Und damit habe ich auch so ziemlich alle Französischkenntnisse verpulvert, die ich noch habe. Au revoir!