Menschen, die in der Bahn Handytelefonate führen, sind nicht lauter als andere, die sich unterhalten. Sie schreien nicht, rempeln niemanden an und nehmen alten Damen nicht den Sitzplatz weg. Wieso regen wir uns dann so gerne über sie auf? Ein Plädoyer fürs Lauschen.

Der „Ich bin noch in der U-Bahn. Ich melde mich später.“-Typ, der immer schnell wieder auflegt, kann es nicht sein, der für Unruhe sorgt. Viel eher die Freizügigkeit, mit der Typ zwei seinen privaten, selten sogar intimen Gesprächen frönt. Letztens zum Beispiel stand wenige Meter von mir entfernt ein blondes Mädchen, vielleicht 16 oder 17. So wie sie am Handy über Horoskope und Aszendenten philosophierte, klang es, als wollte sie ihrer Freundin den neuen Schwarm ausreden: „Was ist der denn von Sternzeichen? … ’n Stier? Und du bist noch mal? … Nein, dann ist das doch auch kein Wunder.“ So ging es noch minutenlang weiter.

Könnte es der Ton sein, mit dem so manches Gespräch in der Bahn geführt wird? Typ drei ist nicht nur beängstigend offen, sondern benutzt auch noch Ausdrücke, die ältere Fahrgäste nach ihrem Krückstock greifen lassen. So wie dieser junge Mann: „Alter, was geht?“ Doch dann ging es erst richtig los: „Ja, ich hab voll Stress mit Caro. … Ach, keine Ahnung, Mann, die Fotze ging mir vorhin so aufn Sack, Alter, da bin ich abgehauen … Ich bin aufm Weg zu Lydia. … Nee, meiner Ex Lydia. Mal gucken, was da so geht … Ja, erzähl ich dir morgen.“ Ich wusste nicht, wer mir mehr leid tun sollte: Freundin Caro, die offenbar gleich betrogen wird, Lydia, für die der Junge gerade Begriffe wie „drüber rutschen“ benutzt hat, oder meine Sitznachbarn und ich selbst, weil wir das mit anhören mussten.

Zu guter letzt sind da noch zwei Typen von Bahn-Telefonierern: Die einen plappern zwar lautstark und ohne Unterlass, aber halt kein Deutsch. Ihnen kann man nur an den Augen ablesen, was für offenherzige Gespräche sie führen. Dann sind da noch die wie jene aufgetakelte, kräftig parfümierte Mittzwanzigerin, mit der ich letztens den Sitz teilen durfte. „Aaaah. Was hat der gemacht? Echt?“, sagte – nein, rief – sie ins Handy. „Boah, der spinnt wohl.“ Ich kam nicht umher, mich zu fragen: Was hat er denn nun gemacht?

Und das ist doch das eigentliche Problem: Was das Handytelefonat vom gewöhnlichen Bahn-Gespräch unterscheidet, ist, dass man nur die Hälfte mitbekommt. Was hat er gemacht, das die junge Frau so in Aufruhr bringt? Was ist zwischen dem jungen Mann und Freundin Caro passiert? Was hat die schwarze Frau mit den tollen Locken da bloß alles in dieser fremden Sprache erzählt? Und wie hat die Freundin des jungen Mädchens reagiert, als sie ihr die Inkompatibilität der Sternzeichen erklärt hatte? Fragen über Fragen, die mir niemals mehr beantwortet werden. Bei vielen Handygesprächen wünsche ich mir nichts sehnlicher als dass mein Sitznachbar bitte den Lautsprecher anstellt, damit ich nicht an der nächsten Station unwissend aussteigen muss.

Anmerkung: Seit ich diesen Text geschrieben habe, sind ein paar Monate vergangen. In der Zwischenzeit könnte ich noch so viele weitere absurde Anekdoten erzählen – wie diese zum Beispiel. Interesse? Dann ab damit in die Kommentare.