2009_03_27_spendenEs gibt sie weltweit zu Dutzenden: Websites, auf denen man per Mausklick und ohne Geldeinsatz etwas Gutes tun kann. Klingt zu gut, um wahr zu sein – und ist es mitunter auch gar nicht: In manchen Fällen wissen die vermeintlichen Spenden-Empfänger gar nichts von ihrem Glück.

„In einem Kinderlied heißt es: Summ, summ, summ. Bienchen…“ – ich klicke „…summ herum“.

Richtige Antwort. Meine Schüssel füllt sich mit zehn Reiskörnern. Viele Menschen müssen heute bereits korrekt geantwortet haben, denn der Reiskorn-Zähler steht schon jenseits der 5000. „Wer seinen Horizont erweitern will, wagt einen Blick…“ – Antwort: „…über den Tellerrand“, natürlich. Noch mal zehn Körner. Langsam fühle ich mich gut, hier kann ich mein soziales Gewissen mit ein paar simplen Mausklicks beruhigen.

Mitunter aber trügt das Gefühl.

Websites wie spendu.org, die mit dem Frage-und-Antwort-Spiel, bei dem für jede richtige Antwort Reis gespendet wird, gibt es zu Dutzenden im World Wide Web. Mit wenigen Klicks soll man auf ihnen etwas Gutes tun können, manche lassen den Besucher dafür vorher eine Quizfrage beantworten, bei anderen wie thehungersite.com braucht man nur einen Button zu klicken. Sie alle suggerieren, dass die dabei generierten Werbegelder einem wohltätigen Zweck zugutekommen – nur, dass in vielen Fällen die vermeintlichen Spendenempfänger gar nichts von ihrem Glück wissen. So auch bei spendu.org.

Auf der Website sind Google-Anzeigen eingebunden – freilich können das nur Cent-Beträge sein, die sich dort täglich ansammeln. Dennoch: Der Nutzer geht davon aus, dass die akquirierten Werbegelder wie versprochen gespendet werden. Einen konkreten Empfänger gibt es nicht, stattdessen heißt es in den FAQs kryptisch: „In regelmäßigen Abständen kann dann eine Hilfsorganisation wie die Welthungerhilfe oder das World Food Programme der UNO Säcke voller Reis in Empfang nehmen.“

Nicht nur, dass man bei der Deutschen Welthungerhilfe weder von Donatio Amica, dem Verein hinter spendu.org, noch der Seite selbst je etwas gehört hat. Darüber hinaus würde man niemals Säcke voller Reis annehmen, erklärt Simone Pott, Pressesprecherin der Deutschen Welthungerhilfe, auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. „Das Sammeln von Reiskörner kann natürlich nur symbolisch gemeint sein“, sagt sie. „Die Welthungerhilfe, wie viele andere Organisationen auch, benötigen keine Sachspenden, denn die Hilfsgüter werden in der Regel lokal aufgekauft.“

Das bestätigt auch Jonathan Rich von der internationalen Hilfsorganisation WaterAid, kurzzeitig Nutznießerin der auf freepoverty.com akquirierten Spenden. Dort wird als Ergebnis eines Geografie-Quiz die Weitergabe von Tassen voller Wasser versprochen. „Diese Aussage ist irreführend“, so Rich. „WaterAid verteilt natürlich keine Tassen mit Wasser an sich. Wir müssen sehr vorsichtig sein, unsere Arbeit in irgendeiner Weise falsch zu präsentieren.“ Deswegen habe man die Zusammenarbeit mit der Spenden-Website, die ohnehin nie offiziell gewesen sei, beendet.

Natürlich werde nicht Wasser an die Empfänger-Organisationen weitergegeben, stellt Rubina Singhsachathet von freepoverty.com richtig. Seit WaterAid als Sponsor abgesprungen ist, werden die Werbeerlöse laut Singhasachathet lokal in Rom gespendet, wo die beiden 20-jährigen Macher der Seite studieren und leben. Ob das Geld tatsächlich für wohltätige Zwecke verwendet wird, ist nicht nachvollziehbar, da Sighasachathet keine konkreten Spender nennt. Immerhin informieren die Seitenbetreiber ihre Nutzer darüber, dass die Kooperation mit dem ursprünglichen Spendenempfänger „wegen unvorhergesehener Probleme“ beendet wurde und man nun „auf der Suche“ nach einer neuen Hilfsorganisation sei.

Vertrauen ist gut

Zurück zu spendu.org: Dort sind die Reissäcke, die es so nicht geben kann, nicht die einzige Unstimmigkeit. Im Internet schreibt der Berliner Verein Donatio Amica, Betreiber der Webseite: „Es ist uns absolut bewusst, dass ein solches Projekt erstmal Misstrauen erwecken muss. Machen die wirklich, was die Versprechen? Wird der Reis tatsächlich ankommen?“

Dann bitten sie um Anregungen, versprechen, den Nutzer auf dem Laufenden zu halten. Doch auf der Seite hat sich lange nichts mehr getan, die Kontakt-Telefonnummern dort und in der Domain-Datenbank der Denic sind falsch oder zumindest nicht mehr gültig: „Kein Anschluss unter dieser Nummer“ – zumindest mit den im Rahmen der Impressumspflicht vorgeschriebenen Kontaktierungsmöglichkeiten nehmen es die Betreiber nicht so genau. Auch auf E-Mail-Anfragen folgt keine Stellungnahme, eine gesetzte Frist von mehreren Tagen verstreicht ohne jede Reaktion.

Unbekannt ist die Organisation übrigens auch beim Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen, dass das DZI Spenden-Siegel herausgibt. Ihre Lauterkeit unterstreichen die Leute hinter dem Verein Donatio Amica stattdessen mit leicht seltsamen Argumenten: Sie seien „fast alle Waldorfschüler“ und natürlich „keine fanatischen Weltverbesserer und Müsliesser, sondern unverbesserliche Idealisten“. So nachzulesen in der Selbstdarstellung des Vereins: Das schafft Vertrauen.

…aber was ist mit Kontrolle?

Ähnlich unklar verhält es sich mit der recht bekannten Spenden-Website charitii.com. Auch hier keine Antwort auf E-Mails oder Anrufe. Stattdessen hat SPIEGEL ONLINE mit drei der vier Organisationen gesprochen, deren Namen ganz oben auf der Seite prangen – als angebliche Empfänger der Spendengelder. Eine der vier Hilfsorganisationen, die Oaktree Foundation, reagierte nicht auf unsere Anfragen. Die anderen drei hingegen gaben Auskunft.

Die jedoch fiel in zwei Fällen nicht günstig aus für Charitii. Weder bei Care noch bei Charity Water weiß man etwas von dem vermeintlichen Spender. Einzig das Nature Conservancy, für das charitii.com zehn Quadratzoll Regenwald pro Klick rettet, hat eine positive Rückmeldung gegeben: Dort ist die Seite bekannt, auch Spenden in nicht bezifferter Höhe habe es gegeben.

Die, behauptet Charitii selbst, waren aber erheblich. Auf der Website der Organisation ist nachzulesen, dass Charitii in den letzten 18 Monaten über drei Millionen Dollar gesammelt habe, die 600 Wasserprojekten in elf Nationen zugekommen seien. Interessierte, die mehr über solche Wasserprojekte erfahren wollen, verweist Charitii an die Hilfsorganisation Charity Water. Die wüssten da eine Menge. Nur davon, dass sie Spenden von Charitii bekommen hätten, wissen sie – siehe oben – nichts.

Von den Machern von charitii.com stammt auch der Donate Bot, ein Programm, mit dem man jeden Tag und automatisch 1000 Weizenkörner, 1000 Unzen Wasser, 1000 Minuten Bildung und 1000 Quadratzoll spenden könne, „einfach, indem man den Computer anlässt“, so die Werbung.

Mehr ist über den Donate Bot nicht bekannt, überall kann er heruntergeladen werden, und hundertprozentig sicher soll er natürlich sein. Sehr glaubwürdig ist das nicht, zumal auch beim Donate Bot als Empfänger wieder die vier Organisationen angegeben werden, von denen zwei bereits in Bezug auf charitii.com jede Zusammenarbeit von sich gewiesen haben.

Es wäre auch zu schön gewesen: Ich nehme mir jeden Tag fünf Minuten, klicke mich wild durch die vermeintlichen Spenden-Websites von charitii.com bis thehungersite.com und beruhige mein soziales Gewissen, ohne dafür Geld ausgeben zu müssen. Reicht der Gedanke aus, einen Beitrag – und sei er auch noch so klein – geleistet zu haben? Ist mit der Teilnahme an einem Quiz wie auf freepoverty.com zumindest ein Schritt in die richtige Richtung gegangen, wenn man vorher gar nichts getan hat? Oder sollte man besser an anderer Stelle richtig spenden, anstatt seine Zeit in intransparente Websites zu investieren?

Ja, sollte man, findet jedenfalls Burkhardt Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI), das hierzulande das Spendensiegel an Organisationen vergibt. Er lobt zwar den Ansatz, junge Menschen auf diesem Weg mit dem Thema Spenden vertraut zu machen, aber: „Solche Spaß-orientierten Seiten sind nicht mit dem eigentlichen Spenden zu verwechseln“, sagt er. Man müsse unterscheiden zwischen Spenden und Spenden lassen wie auf spendu.org oder freepoverty.com. „Wer etwas Gutes tun will, sollte lieber direkt spenden, dafür gibt es im Internet genügend seriöse Möglichkeiten“, so Wilke.

Es gibt Ausnahmen

Doch auch unter den Spaß-orientierten Websites gibt es eindeutig weiße Schafe: Die erfolgreiche Quiz-Seite freerice.com, die unfreiwillig Patin stand für wenig seriöse Angebote wie spendu.org oder charitii.com, hat seit Oktober 2007 rund 62 Milliarden Reiskörner gesammelt. In brauchbaren Zahlen bedeutet das: Drei Millionen Menschen konnten bislang dank Free Rice für einen Tag ernährt werden, so Ralf Südhoff, der Deutschland-Leiter des World Food Programme (WFP) der Vereinten Nationen.

Seitdem die Website ins Leben gerufen wurde, sind sämtliche Erlöse an das WFP gespendet worden, im März hat die Organisation gleich die gesamte Seite und damit vor allem die aufwendige Sponsoren-Akquise übernommen. Eine Quiz-Spenden-Seite, eingebettet in eine weltbekannte wohltätige Organisation – so sollten es alle Organisationen machen, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, empfiehlt Burkhardt Wilke vom DZI. Und WFP-Deutschland-Chef Südhoff garantiert: „Das mit freerice.com eingenommene Geld fließt zu 100 Prozent in konkrete Projekte des World Food Programme der Uno.“

Deutschland ist neben den englischsprachigen Ländern und China übrigens das Land, in dem Free Rice am häufigsten gespielt wird.

Leider geht die Weltwirtschaftskrise auch am World Food Programme nicht vorbei. Gerade wurde die Zahl der gespendeten Reiskörner auf Free Rice pro Klick von 20 auf 10 reduziert. Man sei auf der dringenden Suche nach neuen Sponsoren, um die erspielten Reismengen zu finanzieren, sagte ein Sprecher zu SPIEGEL ONLINE.

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