Nee, liebe europäische Medien, das war’s heute echt noch nicht. Ich kann ja verstehen, dass ihr euch nach dem Mumbai- und Hudson-Gezwitscher auch endlich einen „Twitter-Fall“ wünscht. Aber was sich heute bei Twitter und sukzessive in vielen Medien zum Thema Amoklauf in Winnenden abgespielt hat, das hat nicht im entferntesten was mit der journalistischen Nutzung von Twitter zu tun, die ich jederzeit verteidigen würde.

Zum einen war da diese Legende der jungen Frau (zu finden unter dem Namen @tontaube), die ich für Spiegel Online schon aufgeschrieben habe und deswegen nicht noch mal en detail wiederholen will. Vielleicht nur die Kurzfassung: Die vermeintliche Augenzeugin, die wegen eines harmlosen Tweets von zahlreichen Medien von hier bis was-weiß-ich-wo kontaktiert wurde, war nach eigener Aussage (!) am anderen Ende des Ortes und wurde von den Anfragen ziemlich überrumpelt. Anders kann ich mir nicht erklären, dass sie sich live als Augenzeugin im französischen Fernsehen interviewen ließ, ohne wirklich etwas mitbekommen zu haben von den Geschehnissen in der baden-württembergischen Provinz. Schande über die Journalisten, die der Twitterin aufgelauert und sie in gewisser Weise im Live-TV zur Schau gestellt haben.

Aber dass die Medien die Geschichte von „tontaube“, die eigentlich keine ist, reihenweise aufgegriffen haben, war noch nicht der Gipfel des aufreibenden heutigen Tages. Unter anderem Focus Online hat dann diesen „Fall“ zum Anlass genommen, Augenzeugenberichte via Twitter als heißen Trend auszurufen. Nun gut, in gewisser Weise haben sie Recht, dass der Microblogging-Dienst heute wirklich von mehr Medien genutzt wurde als zuvor in Europa. Aber den gerade verlinkten Bericht muss man unbedingt im Kontext sehen.

Focus Online hat nämlich heute außerdem einen neuen Twitter-Account aufgesetzt, eigens um unter @focuslive im Liveticker über die Ereignisse zu berichten. Als wenn die minutiöse Live-Berichterstattung auf der Focus-Seite selbst nicht nicht genug gewesen wäre. Ich sehe gerade, dass der letzte Tweet in Sachen Amoklauf erst eine Stunde alt ist. Die ziehen das jetzt echt immer weiter…

Und dann gab’s da noch das böse Gerücht, Focus Online habe zunächst unter dem Account @amoklauf getwittert. Ich glaube, verbreitet hat das jemand mit dem Namen @netzeitung. Dass es sich dabei tatsächlich um die Netzeitung handelt, halte ich für so gut wie unmöglich. Es mag sogar sein, dass schon der ursprüngliche Tweet mit der Behauptung ein Fake war. Jedenfalls habe ich mit keiner Microblogsuchmaschine und auch nicht bei hasthags.org einen Hinweis darauf finen können, dass dem tatsächlich so ist. Wenn Sie andere Informationen haben, bitte lassen Sie mich teilhaben.

Ansonsten war der Tag zugleich ein spannender bei Twitter und ein furchtbar anstrengender. Denn seien wir mal ehrlich: In 50-facher Ausführung zu lesen, was Spiegel/Stern/dpa gerade neues vermelden, das braucht man nicht. Und vor-Ort-Berichte per Twitter – das war ja das Spannende in im Mumbai – hat es nicht in dieser Dimension gegeben. Ich finde es begrüßenswert, dass „die Medien“ sich mit Twitter als einem Recherchemittel von vielen zu beschäftigen scheinen. Was ich nicht gutheiße, ist, dass sie jetzt unbedingt einen „Twitter-Fall“ à la Mumbai herbeitexten wollen. Nach der Berichterstattung des heutigen Tages wird der Amoklauf von Winnenden wohl als ein solcher in die Geschichte eingehen – auch wenn er definitiv keiner war.