Gut, ich gestehe: Ich gucke jede Woche „Popstars“. Ich schaue das schon seit Jahren. Ich rege mich darüber auf, fiebere mit und habe mich vor zwei Wochen sehr darüber gefreut, dass Leo jetzt in der Band ist. Eine Band, von der ich mir freilich niemals ein Album oder Single oder ein T-Shirt oder ein irgendwas kaufen werde. Denn wenn in zwei Wochen das Finale über den Bildschirm geflimmert ist, mache ich die Glotze aus und denke solange nicht mehr an Popstars, bis die Werbung für die nächste Staffel anfängt. Es sei denn, die Band mit dem wundersamen Namen Queensberry bricht alle Rekorde und ich komme rein aus professioneller Sicht nicht um einen Blogeintrag herum.

Warum habe ich ständig das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, gar es entschuldigen zu müssen, dass ich „Popstars“ gucke? Wir sollten alle etwas toleranter sein. Wer „Bauer sucht Frau“ gucken möchte – und das sind jede Woche immerhin bis zu acht Millionen Deutsche -, der soll das bitte tun. Ich entschuldige mich hiermit bei allen, über die ich mich lustig gemacht habe, weil sie diese Sendung gucken. Gleiches gilt für jene, die der „Super-Nanny“, Peter Zwegat oder dem „Restauranttester“ bei der Arbeit zusehen, beim „Supertalent“ oder „Deutschland sucht den Superstar“ mitfiebern. Jeder hat seine Macke. Ihre mag es sein, den Samstagabend freiwillig mit Dieter Bohlen zu verbringen, ich verbringe meinen Donnerstag halt mit Sido.

Und damit wären wir auch schon beim eigentlichen Thema: Der böse Berliner Bub, der sich für die siebte Staffel „Popstars“ dem kommerziellen Fernsehgraus zum Fraß vorgeworfen hat (mehr dazu hier), hat pünktlich zum Nikolaustag die Rute ausgepackt und haut seinem Brötchengeber in einem Interview mit dem Radiosender Das Ding eins über. Er habe sich „Popstars“ anders vorgestellt, sagte er.

„Wenn die Mädels weinen, dann ist wirklich was passiert, das ist nicht gestellt. Die Produzenten sagen denen nicht: Verhaltet euch so und so. Die Mädchen verhalten sich von alleine so, aber es ist trotzdem falsch. Keines von den Mädchen – außer Gabriella – ist echt. Sobald die Kamera an ist, wissen die genau, wie sie sich dann verhalten müssen. Die wissen: ‚Okay, heute muss ich mal weinen, die brauchen ein paar Tränen hier in der Sendung, ich wein‘ mal.‘ Das machen die von ganz alleine. Das kann ganz schön abgebrüht und eklig sein.“

Sido sagte außerdem, die Produzenten würden Mädchen bevorzugen, die eben diese Eigenschaften haben. Das wundert mich persönlich jetzt wenig. Ich sitze nicht vor dem Fernsehen und denke: „Nee, sind die alle authentisch.“ Aber mein Misstrauen in unsere Jugend geht auch nicht so weit, dass ich mir vorstellen kann, dass die Teilnehmerinnen auf Knopfdruck weinen können. Dass sie sich vor der Kamera anders verhalten, ist doch ganz klar. Bei der ersten Staffel „Popstars“ wird das noch nicht so gewesen sein. Die späteren „No Angels“-Mitglieder konnten damals nicht ahnen, welche Wellen die Sendung schlagen würde. Das ist der Big-Brother-Effekt. Auch die Containershow hatte in der ersten Staffel noch ihren Reiz. Jeder, der sich danach beworben hat, wollte nur seine 15 Minuten im Scheinwerferlicht bekommen. Nichts mehr mit Sozialexperiment.

Dass ausgerechnet Sido sich über „Popstars“ echauffiert, ist ein großer Witz. Auch wenn Aggro-Berliner auf so einen Vorwurf sicher allergisch reagieren: Ich halte Sidos Kritik für pure Heuchelei. Was hat er denn erwartet? „Ich dachte, das ist echt.“ Klar. Liebes Superintelligentes Drogenopfer: Gibt es in deiner Welt keine Fernseher? Bist du wirklich so naiv? Wenn du schon so offen deinen Arbeitgeber kritisierst, dann sag uns doch lieber mal, ab welchem Zeitpunkt klar war, wer in die Band kommt. Oder ob Leo gar von den Produzenten zum Casting geladen wurde mit der Aussicht, eine „Queensberry“ zu werden. Das sind Dinge, die mich als misstrauischen Zuschauer interessieren. Für die dreifache Gage würde Sido sich dem Kommerz-Zirkus übrigens ein weiteres Mal anschließen. Geld regiert halt die Welt. So viel zu Ihrer Integrität, Herr Superrapper.

Und da war doch noch was:

„Gabriella ist meine absolute Favoritin, weil sie wirklich echt ist. Sie hat eine besonders Stimme. Alle Mädels, die jetzt noch da sind, haben eine gute Stimme. Also die treffen die Töne, toll. Aber nichts besonders. (…) Und ihre natürliche, verpeilte Art macht sie authentisch. Das kann sie nicht spielen. Das macht sie für mich so sympathisch. Sie ist das einzige Stück Starappeal, das es da noch gibt.“

Ohne der Sendung und der Band zu viel Bedeutung zumessen zu wollen: Selbst wenn die anderen noch so unecht sind, ist klar zu sehen, dass Gabriella ein Störfaktor ist. Sollte sie es in die Band schaffen, garantiere ich, dass „Queensberry“ ein ähnlich schlimmes Schicksal droht wie „Nu Pagadi“. Wie wem? Genau.