Seit die ersten Vögelchen was von Entlassungen bei Gruner+Jahr, dem neuen Modell des WAZ-Verlag und Einstellungsstopps allerorten geträllert haben, lag immer ein Hauch von Heuchelei in der Luft. Reagieren die Verlage tatsächlich vorsorglich auf die möglichen Auswirkungen der Finanzkrise? Auf den zu erwartenden Anzeigenrückgang? Auf die befürchtete Deflation? Oder werden hier bloß Sparpläne durchgesetzt, die so oder so ähnlich schon länger in der Schublade lagen?

Erst heute bin ich dazu gekommen, einen taz-Artikel zu eben diesem Thema lesen, der vor einigen Tagen veröffentlicht wurde. „Wie Verlage die Finanzkrise nutzen – Gelegenheit macht Krise“, lautet der vielsagende Titel. „Jetzt gibt es die öffentliche Akzeptanz für harte Maßnahmen“, wird der Dortmunder Medienwissenschaftler Horst Röper zitiert. Außerdem heißt es in dem Bericht, die Pläne der WAZ-Mediengruppe, die Mantelredaktionen von drei seiner vier Zeitungen zusammenzulegen, gäbe es schon seit Juni, als von der Bankenkrise noch keine Rede gewesen sei.

Wie immer lohnt es sich auch, die Kommentare – oder in diesem Fall den einen Kommentar – zum Artikel zu lesen. „Medienkonsument“ schreibt dort: „Kein anderes privatwirtschaftliches Unternehmen könnte sich eine solche Innovationsfeindlichkeit leisten wie es die organisatorisch rückständigen Redaktionen tun. Nirgends werden mehr Schlafwagen mit durchgeschleift, als in den Schreibstuben.“

Hat er Recht? Waren die Zusammenlegung der Wirtschaftstitel von Gruner+Jahr oder das neue WAZ-Modell längst hinfällig? Eine mögliche Antwort gibt die WAZ-Mediengruppe auf ihrer Homepage. Dort heißt es über das Haus-eigene Modell aus den Siebzigern: „Durch das Erkennen und Nutzen von Synergiepotentialen im Tageszeitungsgeschäft konnte die redaktionelle Eigenständigkeit der NRZ, WR und WP gewahrt bzw. deren Existenz gesichert werden. Die Redaktionen blieben selbständig bei gleichzeitiger Zentralisierung der administrativen Dienste Logistik, Anzeigengeschäft, Einkauf, Allgemeine Verwaltung, EDV, Druck und Marketing. Das sogenannte ‚WAZ-Modell‘ war geboren. Es war der Königsweg zum Erfolg.“

Doch jetzt sollen auch redaktionelle Vorgänge zentralisiert werden, die Selbstständigkeit wird wohl auf der Strecke bleiben. Das sind keine simplen Synergieeffekte mehr, wenn demnächst in Westfälischer Rundschau (WR) und Neuer Rhein/Ruhr Zeitung (NRZ) die gleichen Artikel stehen, bloß mit anderen Prioritäten. Es ist immer sinnvoll, sich auszutauschen. Es ist sicherlich auch nicht notwendig, von allen vier WAZ-Zeitungen einen Journalisten zu einem Fußballspiel zu schicken, da gebe ich dem taz-Leser „Medienkonsument“ Recht. Obwohl Zeitunglesende Fußballfans das vermutlich anders sehen werden.

Genau das ist doch eben die Krux: Welches Ereignis ist es wert, von verschiedenen Redakteuren der verschiedenen Zeitungen gleichzeitig bearbeitet zu werden? Wo bleibt die journalistische Vielfalt? Als die Mediengruppe seinerzeit NRZ, WR und Westfalenpost (WP) kaufte, geschah dies unter der Voraussetzung, dass die redaktionelle Eigenständigkeit erhalten bleibt – das WAZ-Modell. Wenn das nun geändert wird: Was wird das Kartellamt dazu sagen? Dazu mehr im Pottblog.

Tipp: Alle Hintergründe zur Situation bei der WAZ-Mediengruppe sowie einen Blog mit aktuellen Infos und mehr finden Sie unter medienmoral-nrw.de.