Als ich zum ersten Mal von Twitter gehört und darüber gebloggt habe, hielt ich es für einen unnützen „Web-2.0-Hype“, der schneller wieder vorbei ist, als er angefangen hat. Aber…

Die aktuelle Situation in Mumbai (ehemals Bombay) in Indien, die bereits über 100 Menschenleben gekostet haben soll, zeigt jetzt das tatsächliche Potential von Twitter. Was Blogs zumindest in den USA schon seit einer Weile sind – eine Alternative zu den klassischen Medien nämlich – gilt jetzt scheinbar auch für Twitter, nur dass sich die „Berichterstattung“ dort durch eine besondere Geschwindigkeit auszeichnet. Das Weblog TechCrunchIT schreibt (mehrfach), dass gestandene Nachrichten-Medien wie CNN zunächst ungewöhnlich langsam über die Anschläge in Indien berichtet haben. Bei Twitter hingegen twittern jetzt zahlreiche Leute, teilweise im Minutentakt, über die Geiselnahme in einem Hotel in Mumbai, zu der es nach den Anschlägen von gestern Abend gekommen ist.

Unter dem Namen „whizkidd“ twittert ein User, dass es eine Explosion im Taj Mahal gegeben haben soll. „mkantonelli“ mutmaßt, dass die islamistischen Attentäter es auf das technologische Knowhow ihrer Geiseln abgesehen haben. Der User schreibt, in dem betroffenen Gebiet von Mumbai seien viele amerikanische IT-Unternehmen angesiedelt. Und eine Journalistin, die unter dem Namen „aeropolowoman“ twittert, scheint dank Twitter einen vermissten Bekannten gefunden zu haben, von dem sie fürchtete, er könnte unter den Geiseln sein.

Ich will nach wie vor wie keine Tweets lesen von irgendwelchen Geeks lesen, die nichts zu sagen haben, was von Interesse ist. Aber in dieser Situation ist Twitter in der Tat ein vielversprechenes Medium. Hätte es die Plattform 2001 schon gegeben, hätte sich bestimmt auch die Berichterstattung zum 11. September massiv dort abgespielt. Wie alle Informationen, die von Bürgern – gerne in diesem Zusammenhang als Bürgerjournalisten bezeichnet – kommen, sind jedoch die Tweets über Mumbai mit Vorsicht zu genießen. Wer sagt uns, dass es sich nicht um einen gelangweilten Teenager handelt, der gar nicht vor Ort ist, sondern in seinem Kinderzimmer in Kansas in den USA sitzt? Verlassen wir uns also lieber auf die etablierten Medien, behalten aber auch immer Blogs und nun auch Twitter im Auge, wenn es um solche Situationen geht.

Nachtrag 28. November 2008: Mehr zum Thema unter anderem in den Blogs von Thomas Knüwer und Don Dahlman , im „Upload“-Magazin oder bei Spiegel Online.