Als Kelly „Dumpfbacke“ Bundy wurde sie berühmt. Nun spielt Christina Applegate in der Sitcom „Samantha Who?“ eine junge Frau, die aus dem Koma mit Amnesie aufwacht. Was sie dann allmählich über ihr altes Ich herausfindet, gefällt ihr gar nicht.

Nach einem turbulenten Partyabend findet die betrunkene Samantha Newly in ihrer Handtasche einen 30-Tage-trocken-Chip der Anonymen Alkoholiker. „Ich bin Alkoholikerin?“, ruft sie ebenso überrascht wie entsetzt. Als die aufgekratzte junge Frau später beim Treffen der Anonymen Alkoholiker als Entschuldigung hervorbringt, dass sie acht Tage bewusstlos war und ihr Gedächtnis verloren hat, wird sie kurzerhand rausgeworfen. Dabei war es doch nicht der Alkohol, der sie ins Koma beförderte, sondern ein simpler, aber folgenschwerer Autounfall. Seither kann sich Samantha nicht an ihr Leben erinnern: Sie hat ihr Alkoholproblem ebenso vergessen, wie sie nicht mehr weiß, dass sie eine karrieregeile Zicke ohne Freunde ist, die mit ihren Eltern seit Jahren im Clinch liegt und ihren liebenswürdigen Freund nach Strich und Faden betrügt.

All diese wenig schmeichelhaften Details erfährt die Titelheldin (Christina Applegate) der neuen ProSieben-Sitcom „Samantha Who?“, als sie nach dem Unfall die Puzzleteile ihres Lebens zusammenzusetzen versucht. Wie Engelchen und Teufelchen, die auf Samanthas Schulter sitzen, versuchen die besten Freundinnen ihr zu helfen: auf der einen Seite die längst entfremdete Jugendfreundin, die in der neuen Samantha ihre beste Freundin aus Schulzeiten erkennt, und auf der anderen die trinkende, intrigierende Schnepfe, das Ebenbild der „bösen Sam“, die sich jedes Mal freut, wenn sich die alte Samantha ihren Weg an die Oberfläche bahnt.

Statt der Kino-Karriere: Zurück zu den Comedy-Wurzeln
Die Emmy-nominierte Serie „Samantha Who?“ lebt vor allem vom komödiantischen Talent ihrer Hauptdarstellerin Christina Applegate, die gleichzeitig als Produzentin auftritt. Sie porträtiert Samanthas Amnesie ausdrucksstark und mit ein bisschen Slapstick. Die 36-Jährige hat lange gebraucht, sich ihrem „Dumpfbacke“-Image zu befreien. Zehn Jahre spielte sie die dusselige Kelly Bundy in der Kult-Serie „Eine schrecklich nette Familie“. Trotz erfolgreicher Filme wie „Super süß und super sexy“ oder „Anchorman“ wollte danach der Kinodurchbruch nie so recht gelingen. Mit „Samantha Who?“ hat sich Applegate auf ihr Sitcom-Talent besonnen, das ihr bereits einen Emmy für eine Gastrolle in „Friends“ sowie mehrere Golden-Globe-Nominierungen einbrachte. Christina Applegate ragt aus einem gut besetzten Ensemble hervor. Vor allem Jean Smart kann sich neben ihr hervortun. Die Emmy-Gewinnerin, die zuletzt als First Lady in der Echtzeit-Serie „24“ brillierte, spielt in „Samantha Who?“ Samanthas schrille Mutter.

Die Identitätssuche nach einem Gedächtnisverlust war schon oft hervorragender Erzählstoff – für Filme wie „Memento“, „In Sachen Henry“ oder „Die Bourne Identität“ und zuletzt für den Sat1-Vierteiler „Blackout“. Mit „Samantha Who?“ haben Produzent Donald Todd („Ugly Betty“) und Bestseller-Autorin Cecilia Ahern („P.S.: Ich liebe dich“) jetzt erstmals eine Serie auf einem Gedächtnisverlust aufgebaut – und damit eine noch nicht da gewesene Sitcom geschaffen, die in den USA den erfolgreichsten Start der Fernsehsaison 2007 hinlegte. Auch bei ProSieben konnte „Samantha Who?“ am letzten Mittwochabend mit 13,9 Prozent Marktanteil in der jungen Zielgruppe punkten.

Die Stimme aus dem Off
Der Ich-Erzähler aus dem Off wird mittlerweile in beinahe jeder zweiten Serie als Stilmittel eingesetzt und hat seinen Zenit an sich längst überschritten. In „Samantha Who?“ jedoch kann man froh sein, dass Samantha Newly als Erzählerin den Zuschauer an die Hand nimmt. Von der ersten Szene an, wenn sie aus dem Koma erwacht und um sich herum nur Fremde sieht, erfährt er gemeinsam mit der Amnesie-Kranken, wer eigentlich wer ist. Es hat wohl noch nie eine Serie gegeben, in der die Hauptfigur genauso wenig über sich selbst wusste wie der Zuschauer. Genau deswegen braucht „Samantha Who?“ die Ich-Erzählerin.

Leider waren die ersten 25 Serienminuten dermaßen voll gepackt mit Informationen über die verschiedenen Figuren, dass man am Ende leicht überfordert zurückblieb. Es wäre besser gewesen, wenn die Charaktere von vornherein mehr Zeit zum Entwickeln gehabt hätten. Doch die werden sie noch bekommen, denn so überladen die erste Folge auch war: Die ansonsten tolle Ausgangssituation der Sitcom – eine interessante Story, gute Schauspieler und die Comedy-erprobte Christina Applegate – lässt hoffen. In den kommenden Episoden, wenn Samantha allmählich ihren Job, alte Freunde und – denn auch daran erinnert sie sich nicht mehr – Sex wiederentdeckt, wird das Tempo merklich reduziert. Das ist auch notwendig, denn ansonsten bestünde die Gefahr, dass die originelle Amnesie-Idee schon bald ihren Reiz verliert.

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