Was TV-Anwältin „Ally McBeal“ für die 90er war, versucht „Eli Stone“ für die Gegenwart zu sein – eine durchgeknallte Anwaltsserie mit viel Musik und Humor. Zwar wird etwas zu viel abgekupfert, dafür beschäftigt die Serie Stars wie George Michael und Katie Holmes.

Seine kindlichen Ideale hat der Anwalt Eli Stone längst hinter sich gelassen und sorgt stattdessen vor Gericht dafür, dass die Reichen noch reicher werden. Er hat zwar keine Moral, dafür aber einen schicken Wagen, eine tolle Verlobte und soll irgendwann die Kanzlei übernehmen. Er glaubt, das perfekte Leben zu haben. Doch von einem Tag auf den anderen ändert sich alles.

Mit dem Moment nämlich, als George Michael auf Eli Stones Wohnzimmertisch seinen Song „Faith“ zum Besten gibt. Halluzination oder etwa eine prophetische Vision? Obwohl sein Arzt ein angeborenes Gehirn-Aneurysma diagnostiziert und damit eine natürliche Erklärung für den eingebildeten Popsänger liefert, glaubt Eli Stone bald, dass er in Wirklichkeit ein Prophet sein könnte. In den lebhaften Bildern und den George-Michael-Songs, die ihn ständig begleiten, erkennt er tiefere Botschaften und beschließt, sein Leben umzukrempeln und fortan fürs Gute zu kämpfen.

Da wird der Zuschauer selbst zum Propheten
ProSieben holt die schräge Mischung aus Comedy, Drama und Fantasy jetzt in die Primetime. Die Serie hält jedoch nicht, was die zugrunde liegende Story verspricht. Beim ersten Mal ist die George-Michael-Vision noch witzig, nach dem zweiten, dritten und vierten Mal ist der Überraschungseffekt verloren und das Ich-sehe-was-das-du-nicht-siehst-Spiel droht seinen Reiz zu verlieren.

Die Handlung wird so vorhersehbar, dass der Zuschauer sich womöglich bald selbst für einen Propheten hält: Jede Halluzination in „Eli Stone“ bedeutet einen neuen, weltverbessernden Fall. Um zu erkennen, was die Visionen von tief fliegenden Doppeldeckern, Erdbeben oder plötzlichem Regen in geschlossenen Räumen bedeuten, führt es den Möchtegern-Heiland zu seinem weisen Akupunkteur nach Chinatown, der ihn überhaupt erst auf die fixe Propheten-Idee gebracht hat.

Auch Elis Privatleben wird Folge für Folge weiter auf den Kopf gestellt, weil er sich des Öfteren unter Tischen oder singend vor Gericht wiederfindet. Seine Zukünftige, Taylor Wethersby (Natasha Henstridge, „Species“), kommt mit dem neuen Eli nicht klar. Und ihr Vater, Elis grimmiger Chef (Victor Garber, „Alias“), versucht ihn mit allen Tricks aus der Kanzlei zu ekeln. Leider erfährt der Zuschauer nur wenig über das frühere Leben von Eli Stone und so fällt es anfangs etwas schwer zu verstehen, warum eine höhere Macht ein Interesse daran haben sollte, ausgerechnet ihn zu einem besseren Menschen zu machen.

An Johnny Lee Miller wird das nicht liegen. Der britische Schauspieler, vor allem bekannt aus dem Kultfilm „Trainspotting“ und als Ex-Mann von Angelina Jolie, fängt den inneren Konflikt des Titelhelden wunderbar ein; das schöne Leben, das er immer genossen hat, auf der einen Seite und die den Visionen innewohnenden Vorsehungen, die er nicht ignorieren kann, auf der anderen. Sein Leben scheint sich von Grund auf zu ändern, aber ist das diesen Preis wert?

George Michael ist der neue Barry Manilow
Eigentlich macht die Serie nichts besser oder schlechter als vergleichbare Formate. Doch genau das ist ein Problem: „Eli Stone“ will anders sein, sagen die Macher, schafft das aber nur zum Teil, denn einige der essenziellen Zutaten sind geklaut – von der 90er-Jahre-Kultserie „Ally McBeal“. Nur, dass Anwältin Ally nicht von George Michael, sondern Barry Manilow halluzinierte. Ally war zwar durchgeknallt, aber keine Prophetin. Dennoch könnte sich „Eli Stone“ vom Witz der „Ally McBeal“-Kanzlei ruhig noch ein bisschen was abgucken.

Nichtsdestotrotz: Seit Ally McBeal nicht mehr halluziniert, hat es im Fernsehen keine so schönen Visionen mehr gegeben und in der Kraft der Bildsprache übertrifft „Eli Stone“ die 90er-Jahre-Serie sogar noch. Auch darüber hinaus hat die Serie durchaus ihre Momente: Wenn statt der Halluzination auf einmal der echte George Michael vor dem ungläubigen Eli steht etwa. Und wer Victor Garber vor allem als knallharten Agenten und distanzierten Serienvater von Jennifer Garner in der US-Serie „Alias“ kennt, der darf seine diversen Gesangseinlagen in „Eli Stone“ nicht verpassen. Und überhaupt muss man ständig damit rechnen, dass um den Titelhelden herum die Leute plötzlich anfangen, zu singen und zu tanzen – natürlich stets zu Songs von Pop-Ikone Michael. Das ist aber so gut gemacht, dass selbst Nicht-Fans ihren Spaß daran haben werden. Der Sänger spielt in der Serie sich selbst und macht auf Elis Couch eine wesentlich bessere Figur als in den Klatschspalten der letzten Jahre.

Erst gegen Ende der ersten Staffel zeigt sich, dass alles, was Eli Stone passiert, tatsächlich einem höheren Zweck dienen könnte. Durchhalten lohnt sich also. Die zweite Staffel, die in Amerika im Oktober startet, verspricht Besserung. Unter anderem wurde Katie Holmes, Ehefrau von Tom Cruise und selbst viele Jahre Serienstar („Dawson’s Creek“), als Gast engagiert. Sie wird – drei Mal dürfen Sie raten – eine singende und tanzende Anwältin spielen.

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