Als ProSieben 2003 „Popstars“ zu sich holte, hatten Castingshows ihr einziges gutes Jahr als tatsächliche Talentschmieden schon hinter sich. Die erfolgreiche Girlband No Angels war noch bei RTL2 zusammengewürfelt worden. Bei ProSieben musste man bald erkennen, dass es einen solchen langjährigen Charterfolg mit einem Castingprodukt wohl nicht mehr geben wird.

Nach der ersten Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ ließ der kommerzielle Erfolg von Gewinnerin Lena Gercke auf sich warten. Im zweiten Jahr des Modelcastings hat ProSieben sich dann wohl alternative Strategien für die mühevoll zurechtgestutzten Castingprodukte überlegt. Seither vergeht keine Stunde im ProSieben-Programm, ohne dass sich eine der gecasteten Schönen für den Zuschauer räkelt oder die letzten Popstars einen Songteil zum ProSieben-Claim „We love to entertain you“ zum Besten geben. Zweitverwertung der besonderen Art, sozusagen.

sueddeutsche.de beschreibt das heute sehr schön: „Germany’s Next Topmodel ist eine Castingshow ohne eigentliches Casting – die Sendung ist vielmehr ein Comedy-Zulieferer-Format“. Die schrillsten Szenen, vermutet Autor Christian Kortmann, werden „als Cross-Promotion direkt für die Ausschlachtung in Stefan Raabs ‚TV total‘ produziert.“ Dort sitzen die nicht mehr ganz so aufgelösten Kandidatinnen, nachdem sie von Heidi Klum und Konsorten aus der Show gekickt wurden.

Wie schon in der Vergangenheit, wird auch die nächste Gewinnerin wohl in Kürze mit ProSieben-Größen wie Raab oder Christoph Maria Herbst zum neusten Gesicht des Senders gemacht und in Spots mehrmals die Stunde über den Bildschirm flimmern. Dann wird sie wie ihre Vorgängerinnen als so genannter Promi durch alle Sendungen der Sendergruppe geschleift, tritt bei Quizshows an oder darf eine dieser elenden Chartshows oder „Die 100 nervigsten Deutschen“ kommentieren – damit sie bloß nicht vergessen wird. Sendungen, bei denen die jeweils aktuelle „Popstars“-Band oder Stefan Raabs eigene Casting-Zöglinge einen Song ihres aktuellen Albums zum Besten geben. Wahrscheinlich werden die letzten „Popstars“-Finalisten in der einen oder anderen Weise auch in der nächsten Staffel wieder mit an Bord sein, etwa als Choreographin oder Tänzerin – hat es beides schon gegeben. Nebenbei wird „Germany’s Next Topmodel“ von Volkswagen gesponsert, für deren Tiguan-Kampagne ausgerechnet Heidi Klum und Ehemann Seal Werbepaten sind. Natürlich singt Seal nicht nur den Song für den Werbespot, sondern auch den Titelsong zur neuen „Topmodel“-Staffel.

Na ja, zumindest die Gewinner der vorletzten „Popstars“-Staffel, die Mädchenband Monrose, sind dank der Dauer-Aufmerksamkeit noch immer einigermaßen erfolgreich. Sie scheint zu funktionieren, die ProSieben-Maschinerie. Als die „Popstars“-Bands Overground und Preluders entstanden, war die Vernetzung beim Sender noch nicht so optimal. So haben sich die Gruppen mittlerweile entweder aufgelöst, oder sie spielen auf Teenie-Geburtstagen oder bei SuperRTL, um irgendwie über die Runden zu kommen.