Ich liebe meine Selbständigkeit. Im Ernst: Selbst an scheiß Tagen geht es mir meistens gut mit meiner Entscheidung, weil es ein Scheißtag ist, den ich so gewählt habe. Und davon habe ich in den sechs Jahren, seit ich mich direkt nach dem Hochschulabschluss selbständig gemacht habe, viele gehabt.

Dennoch: Es vergeht eigentlich kein Tag, ohne dass ich neue Dinge ausprobiere und etwas lerne, sei es ein Skill, ein Tool, was Zwischenmenschliches oder etwas über mich, meine Fähigkeiten und Grenzen.

Klingt doch schon mal ziemlich awesome.

Leider hat Selbständigkeit gerade im Journalismus häufig einen schlechten Ruf. Auf jeden, der Selbständigkeit super findet, kommt gefühlt einer, der einen abschätzig, skeptisch, ungläubig, irritiert oder all of the above anschaut. Für manche Leute ist mein Arbeitsalltag schlicht „nicht normal„.

Warum?

Weil ich selbst entscheide, wann ich anfange zu arbeiten und wie lange ich mache?

Weil ich mich nicht bei Vorgesetzten abmelde, sondern meinen Kunden kommuniziere, wenn ich mal einen Nachmittag oder ein langes Wochenende nicht erreichbar bin?

Weil ich anders als Angestellte Wahnsinnsmöglichkeiten habe, meine Ausgaben bei der Steuer geltend zu machen, um geringere selbige zu zahlen?

Weil ich mir aussuche, für wen ich arbeite und was?

Weil ich die Zusammenstellung jederzeit ändern kann?

Weil ich zwischendurch Blogbeiträge wie diesen schreiben oder Facebook checken kann, ohne dabei über meine Schulter zu schauen?

Auf dem Balkon!

In Jogginghose!

Stimmt, klingt ja grausam.

tumblr_nj603fGURb1u6fuy9o1_500

Flexibilität, Ortsunabhängigkeit, im Schlafanzug arbeiten, das habt ihr ja eh schon hundert Mal als Argumentation für selbständige Tätigkeit gehört, schon klar. Was mich an der Argumentation dagegen aber am meisten stört, ist der fundamentale Irrtum, dem die Argumentierenden aufgesessen sind und den sie munter an zukünftige (Journalisten)Generationen weitergeben: dass ein fester Job Sicherheit bedeutet. Das ist nicht nur im Journalismus Unsinn. Gerade in Zeiten des digitalen Wandels, der Branche um Branche erfasst und verändert (hat).

Du bist angestellt als Redakteur? Toll!

Leider muss ich dir mitteilen, dass mein Job mindestens doppelt so sicher ist wie deiner. Denn meine Selbständigkeit steht immer auf mehreren Säulen (alle sind in meiner Vita nachzulesen): Ich bin klassisch als freie Autorin tätig, aber auch als Kuratorin im Event-Bereich; ich betreue die Social-Media-Aktivitäten eines Startups und verdiene außerdem Geld dazu als Dozentin und Speakerin.

Und da sich das Berufsbild des Journalisten sehr verändert (hat), kann ich mit einer meiner Säulen auch mal Dinge ausprobieren, die man vor einigen Jahren wohl noch nicht dazu gezählt hätte. Die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, Innovation und Grenzüberschreitung allein sind es wert, die Anstrengung der Selbständigkeit auf sich zu nehmen.

Ja, klar ist das Ganze manchmal furchtbar anstregend. Akquise. Always on. Krank sein ist scheiße, Urlaub planen anstrengend und der ganze Papierkram erst!

Aber wenn das eure größten Sorgen sind: Esst Vitamine. Und legt euch eine ordentliche Strategie zu, die aus Rücklagen, tätigkeitsunabhängigen Einkünften, strategischem Rechnungsstellen und Versicherungen für den Worst Case zusammengesetzt ist. Steuerberater sind ’ne super Sache. Gewerkschaften oder die Freischreiber auch. Ein gutes Netzwerk, das nicht nur aus Journalisten besteht, sowieso.

Manchmal habe ich trotzdem Sorge, dass mir das alles um die Ohren fliegt. Aber Angst gehört zum Leben dazu und sie zu überwinden, ist eines der besten Gefühle überhaupt.

Ich habe irgendwann entschieden, dass mein Glas immer halb voll ist. Bisher hat sich noch immer um die nächste Ecke wieder eine Gelegenheit geboten, hat sich das sprichwörtliche nächste Fenster geöffnet, wenn ich eine Tür geschlossen habe.

Und wenn heute jemand meine Selbständigkeit in Frage stellt:


Diesen Blogbeitrag habe ich im Rahmen der Blogparade der freien Kollegen Bettina Blaß und Timo Stoppacher geschrieben. Sie meldeten sich kürzlich mit ihrer Feststellung, „dass von jungen Nachwuchsjournalisten kaum einer selbstständig arbeiten möchte, weil sie sich oft nicht vorstellen können, was das genau bedeutet, „freier Journalist“ zu sein“. Auch wenn er sehr auf Selbständigkeit insgesamt abzielt, hoffe ich doch, dass dieser Text ein kleiner Beitrag zu einem stimmigen Gesamtbild der Journalismus-Blogparade ist!