Lesebefehl! Ein Muss! Journalisten müssen sich das angeschaut haben. Blablabla. Wie viel die Filterblase einem doch zu diktieren versucht! Was wir angeblich alles machen, unbedingt ausprobieren, auf keinen Fall verpassen dürfen. Müssen, müssen, müssen. Mir reicht’s!

Achtung, es wird im Folgenden ein wenig philosophisch.

2009_01_23_zeitschriften

Foto: Carolin Neumann (CC BY 2.0)

Diese Woche hielt ich einen Impulsvortrag bei der Hamburg Kreativ Gesellschaft: Up-to-date: Wie funktioniert erfolgreiches Wissens- und Informationsmanagement? Als ich vor einigen Monaten angefragt wurde, hätte der Abend noch etwas anders ausgesehen. Ich hätte mehr Tools wie If this then that“ oder Pocket empfohlen, ausschweifend über die Vorzüge von Social Media, Trello und To Do Apps gesprochen, vielleicht mir sogar eingebildet, tatsächlich eine Antwort auf die Leitfrage zu wissen.

Tatsächlich war meine erste Ansage: Ich habe keine Antwort. Einige zentrale Sätze des Abends waren letztlich: „Selber ausprobieren ist der Schlüssel.“ „Was für mich funktioniert, muss für andere noch lange nichts sein.“ Und: „Lernt löschen!“

Meine Learnings aus dem Info-Dschungel

#1

Mit digitalen Informationen war es bei mir lange Zeit wie früher mit dem Zeitschriften- und/oder Zeitungsstapel im Wohnzimmer. Irgendwer, dessen Wort für mich Gewicht hatte, befahl mir: Du musst aber so und so viel lesen. Also stapelten sich lange Zeit, Spiegel, Süddeutsche Zeitung, Fachzeitschriften, alles mögliche Gedruckte in einer Ecke und es dauerte viel zu lange, bis ich mein eigenes Informations-Messitum erkannt hatte.

Deswegen Learning #1: Lernen wir Wegwerfen, Löschen & Archivieren! Weder die analogen noch die digitalen Infoberge lesen wir wirklich. Seien es die Hunderten Beiträge, die sich im RSS-Reader ansammeln, oder die vielen zwischengespeicherten Texte in Delicious, Instapaper und Co. Sparen wir uns den Druck, das alles „wenigstens überfliegen“ zu müssen. Sparen wir uns das Müssen. Wir lesen, was wir schaffen, was wir wollen – und wenn wir den Rest in den Papierkorb oder ins Archiv verschieben, geht niemandes Welt davon unter.

#2

Die Welt geht auch nicht unter, wenn wir uns aus sozialen Medien zurückziehen. Nicht nur bei mir selbst, sondern auch bei anderen verspüre ich eine zunehmende Facebook-Müdigkeit. Selbst (oder gerade) diejenigen, die beruflich mit den Netzwerken zu tun haben, nehmen sich bewusste Auszeiten. Ich möchte nicht der sozialen Netzwerke müde werden, die mir auch Spaß und Zeitvertreib neben Arbeit bringen und gönne mir deshalb ebensolche Off-Zeiten. In der Facebook-Gruppe meines Co-Working-Spaces las ich neulich auch die kluge Bitte, Anfragen an die dort arbeitenden Hosts nicht per Facebook, sondern per E-Mail zu schicken, damit die Arbeit sie nicht noch in den Feierabend begleitet.

Ein altmodisches Handy beim Vortrag bei der Kreativ Gesellschaft

Symbolbild für Entschleunigung, passenderweise gesichtet bei meinem Impulsvortrag (Foto: Carolin Neumann, CC BY 2.0)

Mein Learning #2 ist also: Beruf und Privat wieder deutlicher voneinander abgrenzen. Wir haben uns so daran gewöhnt, über Facebook viele Leute schneller erreichen zu können. „Alle“ sind dort, was die Organisation von Dingen lange Zeit erleichtert hat. Doch es ist längst zu viel, zu unübersichtlich. Zu viele Gruppen, zu viele Menschen, die ständige Aufmerksamkeit fordern. Schluss damit! Ich verlagere zunehmend Dinge wieder auf E-Mail und Telefon, nutze Trello, Protonet oder gemeinsame Google-Dokumente. Natürlich erreicht ihr mich auch auf Facebook. Aber warum nicht lieber eine E-Mail schreiben, über die ich die Kontrolle habe? Die nicht einfach so im Facebook-Orbit verschwinden kann? Zumal meine diversen E-Mail-Adressen leicht aufzufinden sind. mail (at) carolin-neumann.de zum Beispiel.

#3

Im vorigen Absatz steckt übrigens auch schon mein Learning #3: Den eigenen Anspruch definieren und kommunizieren. Nach meiner beruflichen Veränderung zum Jahreswechsel erfinde ich mich und die Art, wie ich arbeiten und leben möchte, gerade neu. Das ist schon für sich genommen kein leichter Prozess, aber spannend! Ich arbeite derzeit meistens halbtags, dafür konzentrierter. Nehme berufliche Telefonate eher nicht an, wenn ich bereits Feierabend gemacht habe. Öffne mein E-Mail-Programm nach Jahren des gefährlichen sofort Antwortens nur noch gezielt einige Male am Tag. Programmiere lieber ein, zwei Tweets vor (mittels Tweetdeck), als mich konstant dem Stream auszusetzen. Habe meine E-Mail-App vom Handy gelöscht. Respektiere meinen Feierabend. Arbeite am Wochenende nicht (mehr). Und kommuniziere dies an Kollegen, Freunde, Kunden, wenn es sich ergibt.

#

Ich bin überzeugt: So habe ich mehr Spaß an dem, was ich tue – und andere mehr von dem, was ich kreiere. Zu viele Hüte gleichzeitig tragen zu wollen, die in Farbe und Form so verschieden sind, funktioniert für mich nicht mehr. Multitasking ist ein Mythos. Das ganze Müssen und all die Abers sind etwas, von dem ich mich freimachen möchte. Macht ihr mit?