(Foto: @katrin_bpunkt)

Ich weiß nicht, woher die Schätzungen „30.000 Menschen zur ‚Freiheit statt Angst‘-Demo erwartet“ kamen und ob sie vielleicht von vornherein zu optimistisch waren – am Ende wurden es zwischen 10.000 und 20.000 Teilnehmern an diesem Samstag in Berlin. Bei den Zahlen gibt’s wie immer keine Einigkeit, beim Thema schon: Freiheit statt Angst 2013, die größte deutsche Demonstration gegen globale Überwachung, gegen Prism und Co., gegen die Praktiken der Geheimdienste, die Vorratsdatenspeicherung und Verfolgung von Whistleblowern, meine bisher wichtigste Demo. Ich kenne viele, die dafür aus Hamburg nach Berlin gereist sind (dass zeitgleich u.a. Berlin Music Week ist, war eine glückliche Fügung), mich eingeschlossen.

Das Erfreuliche: Es wurde thematisch etwas weniger in einen Topf geworfen als vor sechs Wochen, als das Hamburger Bündnis bei seiner Demonstration munter Edward Snowden glorifizierte und zeitgleich mit Prism auch die in der Hansestadt eingerichteten Gefahrenzonen kritisierte. Bei der Großdemonstration in Berlin hörte man zwar auch immer wieder „NSA, go away“ und ähnliche US-zentrierte Sprechgesänge, die meiner Meinung eher nicht den am Rande stehenden Passanten anzusprechen vermögen, aber insgesamt war doch noch wesentlich deutlicher ein Gefühl von Einheit zu spüren.

Einheit in der Wut. Über die „alten“ Ärgernissen Vorratsdatenspeicherung, elektronische Gesundheitskarte und Co., die einfach nicht weggehen wollen, über den Spionageskandal, die nicht aufhören wollenden Snowden-Leaks, die allesamt die Wucht haben, die uns bekannte Welt ins Chaos zu stürzen, Wut über die Untätigkeit unserer Bundesregierung, aber auch darüber, dass immer noch so wenige Menschen erkennen, welche Tragweite diese ganze Geschichte hat.

Dazu kann ich übrigens auch die bei der Abschlusskundgebung gehaltene Rede von Anne Roth empfehlen, die unter anderem in Bezug auf diejenigen, die à la „War doch klar“ reagieren, selbstkritisch sagte:

Wem nützt es denn, wenn wir uns zurücklehnen und beleidigt sind, weil uns vorher niemand zugehört hat? Wenn wir etwas ändern wollen (…), dann müssen wir aufhören, arrogant zu sein. Dann müssen wir unser Wissen teilen und den Leuten helfen, die jetzt merken, dass wir belogen und überwacht werden.

Sie und andere Redner sagten gute Dinge, anhand derer genau wie anhand so mancher Ausrufe im Demonstrationszug sich aber leider auch wieder ein zentrales Problem der ganzen Überwachungsthematik zeigte: die Schwierigkeit, die nicht greifbaren Folgen und Gefahren für diejenigen erkennbar zu machen, die es eben nicht längst wussten und die das Bewusstsein bereits hatten. Ehrlich: Ich bin dankbar für jeden Tipp zur Optimierung meiner Überzeugungsarbeit, her damit! Wenn ich selbst bei gleich gesinnten Digitalos an meine Grenzen stoße, weiß ich nicht, wie ich das Thema denjenigen begreifbar machen soll, die in einer anderen Wahrnehmungswelt leben.

Leider ist es auch nicht so, dass wir mit der Demonstration vor Ort in Berlin so viele Leute hätte erreichen können. Klar: Die Kundgebungen auf dem Alexanderplatz dürften an einem sonnigen Samstagnachmittag reichlich (Touristen)Volk angezogen haben. Doch die Route führte gefühlt die Hälfte der Zeit vorbei an leeren Häusern und durch gespenstisch leere Straßen (wer denkt sich so was aus?). Wie schon Spreeblick korrekt schreibt: „Es wird sich erst etwas ändern, wenn es weh tut.“ Und ich bezweifle, dass diese Route so wehgetan hat.

Medial hat die Demonstration zweifelsohne einige erreicht. Aus der Erfahrung vom redaktionellen Nachrichten-Tickern weiß ich allerdings auch, wie schnell eine kleine „Tausende Menschen demonstrieren gegen XY“-Meldung versanden kann, wenn nicht nachgelegt wird. In diesem Sinne werde ich weiterhin zum Thema lesen, schreiben und teilen, zu jeder Demonstration gehen, mein eigenes Sicherheitsempfinden schulen – und jetzt erst mal meinem Bruder das Verschlüsseln beibringen.

(Foto: Carolin Neumann)

Foto: Mike Herbst/ubiquit23 CC-BY-NC 2.0

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Foto: URBAN ARTefakte, CC-BY-NC-ND 2.0

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Foto: Bündnis 90/Die Grünen, CC BY 2.0

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Foto: Mike Herbst/ubiquit23 CC-BY-NC 2.0

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Foto: Bündnis 90/Die Grünen, CC BY 2.0

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Foto: Leif Hinrichsen, CC BY-NC 2.0

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