Wenn schon ich protestieren gehe und sogar Schilder male für die Demonstration, dann wird das wohl ein gaaaanz großes Ding. Soweit meine naive Annahme, als ich mich am heutigen Samstag zur Anti-Überwachungs-Demo unter dem Motto #stopwatchingus aufmachte.

Bei der Demo in Hamburg

Ich habe Schilder gebastelt - für die #stopwatchingus-Demo in Hamburg

Hamburg war eine von mehr als 30 deutschen Städten, in denen heute demonstriert wurde. Mit dem etwas seltsamen Untertitel „We are all Edward Snowden“ und unter anderem der Forderung nach deutschem Asyl für den Whistleblower. Schwamm drüber, dass ich nicht alles unterstütze, was das Bündnis aus unter anderem AK Vorrat, Digitale Gesellschaft e.V. und diversen politischen Parteien fordert. (Dazu und zu einem unangenehmen Vorfall bei der Demo in HH auch hier.)

Bei der #stopwatchingus-Demo in Hamburg

@miss_assmann demonstrierte trotz Wetter und Aua

Auf die Straße gegangen bin ich trotzdem. Selbstverständlich, hält mich doch diese Mischung aus Wut, Ohnmachtsgefühl und dem Willen, etwas zu tun, seit Wochen auf Trab. Nach Agenturangaben waren es deutschlandweit so um die 10.000 Menschen und zum Beispiel Schätzungen meiner Kollegen von Spiegel Online zufolge allein 3.000 davon in Hamburg (Hamburg – Berlin, 1:0, denn dort sollen’s nur 2.000 gewesen sein). Während des Demonstrationszuges habe ich von einigen gehört, sie seien von dieser Vielzahl überrascht. Und sicherlich waren Demonstrationen zeitgleich in so vielen Städten mit einem nicht mal sooo nerdigen Publikum ein großartiges Zeichen. (Und hat bereits internationale Aufmerksamkeit gebracht.)

Ich für meinen Teil war jedoch trotz des großartigen Demonstrationszuges in Hamburg – laut, bunt, erstaunlich lang – enttäuscht, dass es nicht mehr waren. Wie gesagt: Wenn selbst ich Schilder bastel, weil ich mich so aufrege und was tun will, dann muss es anderen zweifelsohne auch so gehen, oder? (Offenbar naiv von mir.) Nix da. Nicht mal die Digitalos der Stadt, die ich auf allen möglichen Veranstaltungen treffe und die zu den digital Versierten, politisch aufgeklärten und engagierten jungen und nicht mehr so jungen Leuten Hamburgs gehören, waren besonders zahlreich vertreten.

Stattdessen war unter anderem auf Twitter von bevorzugten See- und Strandbesuchen zu lesen, einige nannten ihre Resignation als Grund fürs Nichterscheinen, andere schien (!) das Thema gar nicht zu tangieren. Für dieses gefühlte Desinteresse, oder gar eine Einstellung irgendwo zwischen „Ich habe doch nichts zu verbergen“ und „Ich kann doch eh nichts dran ändern“ habe ich kein Verständnis. So großartig es war – in meinen Augen ist die Zahl der Teilnehmer und die Abwesenheit so vieler Menschen und Vereinigungen eine Bankrotterklärung der digitalen Gesellschaft.

Immerhin: Endlich habe ich das Gefühl, dass Bewegung in die Sache kommt, wenn auch langsam. Als ich noch vor rund einem Monat verschiedene für den Kampf gegen Überwachung bekannte Vereine anschrieb, wann es auf die Straße gehe, wurde ich nur auf die jährliche „Freiheit statt Angst“-Demo (dieses Jahr am 7. September in Berlin) hingewiesen. Mit einem Zwinkern. Was mir nicht gerade das Gefühl vermittelte, die digitalen Freiheitskämpfer würden das Ding ernst nehmen. Und wer, wenn nicht die, die seit Jahren gegen Vorratsdatenspeicherung und Co. zu Felde ziehen?

Seither, also seit ich mich auch erstmals über das scheinbar mangelnde Interesse aufregte, hat sich doch einiges getan; vor allem in den Medien bewegt sich angenehm viel. Die meisten großen Onlinemedien lassen beispielsweise beim Thema Prism, Tempora und Co. nicht mehr locker; insbesondere meine alte Heimat, die Spiegel-Online-„Netzwelt“, muss ich nochmals loben für ihre hartnäckige Aufklärungsarbeit!

Sascha Lobo beschreibt dort übrigens in seiner aktuellen Kolumne, dass seine Reaktion auf die Snowden-Enthüllungen in mehrere Phasen abgelaufen sei: 1. Erstaunen – 2. Entsetzen – 3. Empörung – 4. Irritation – 5. Ohnmacht – 6. Wut – 7. Ekel.

Meine Hoffnung ist, dass es beim Rest der Gesellschaft ähnlich ist und die einen endlich aus der Ohnmacht-Phase aufwachen. Weil ohne sie der Rest der Gesellschaft aus dem Stadium des Erstaunens nicht herauskommt. Es braucht – medial, aber vor allem durch jeden einzelnen, dem Thema zugeneigten Thema – bessere Transferleistungen. Wir müssen für andere übersetzen, warum sie die globale Spionage angeht. Weswegen auch sie sich empören, sich ekeln und vor Wut auf die Straße gehen müssen.

Also: Auf dass wir bei der nächsten Demonstration nicht mehr Zehntausend, sondern Zehntausende sind!