…die traditionellen Offliner, für die das Internet im schlimmsten Fall nicht mehr als eine lästige Zeiterscheinung ist, die aber nicht die Branche zu revolutioneren vermag.

Diese Worte schrieb ich vor drei Jahren über die Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche. Es war allen hochkarätigen Gästen und herausragenden Inhalten zum Trotz der Eindruck, der blieb und dazu führte, dass ich 2011 gar nicht über die Veranstaltung bloggte und im Jahr darauf ganz aussetzte. Die Tagung mit ihren hohen Männerquoten und ihrer latenten Digitalfeindlichkeit war für mich als immer digitalere junge Frau unattraktiv, ich fühlte mich nicht angesprochen, hier und da gar angegriffen. Beim letzten Mal lies mich das frustriert zurück.

Dieses Wochenende nun habe ich mit meinen früheren Urteilen im Kopf erneut den Weg ins NDR-Konferenzzentrum gefunden; es war eine spontane Entscheidung vor wenigen Wochen, als ich Was-weiß-ich-was-oder-wen-im-Programm-oder-in-meinem-Twitter-Stream entdeckte. Vielleicht hatte ich auch meinen Magic 8 Ball befragt, ob ich hingehen soll.

Jedenfalls habe ich die vergangenen zwei Tage zwischen Größen der deutschen Medienbranche verbracht, mir die unvermeidlichen (?) Elefantenrunden zur Zukunft des Journalismus angehört, den medialen #aufschrei rekapituliert, im Crashkurs gelernt, wie ich meine Mails und Dateien verschlüssele, im Erzählcafé den spannenden Geschichten über Vetternwirtschaft in der Organtransplatationsmedizin zugehört und bei Pommes und Bierchen mit vielen spannenden Menschen gesprochen.

Gelohnt hat es sich also.

Ein paar Anmerkungen mit Hinblick auf meine eingangs erwähnte Alt-Kritik habe ich trotzdem auch in diesem Jahr wieder.

Hier macht sich der digitale Graben bemerkbar

Die Netzwerk-Recherche-Tagung ist jünger geworden, wesentlich; jede Journalistenschule, jedes Stipendienprogramm scheint klassenweise vertreten zu sein, hier schwirrte eine Menge junges, digitales Potentiel herum und war teilweise auch auf den Podien zu sehen. Was dazu führte, dass zum Beispiel Armin Wolfs Äußerungen à la „Ein Journalist ohne Twitter-Account ist so was Ähnliches wie ein Journalist ohne Telefon oder ohne Internet-Anschluss“ für sanftes Jubeln sorgte, Gegenteiliges für lautes Raunen und ich insgesamt nicht mehr das Gefühl hatte, als digitaler David einem verständnislosen Goliath gegenüber zu stehen. Twitterndes Publikum, Liveberichterstattung im Web, viele digitale Veranstaltungen habe ich erfreut beobachtet.

Auch wenn Digital jetzt hier seinen Platz am Erwachsenen-Tisch hat und nicht mehr in die Nische verbannt und auf den großen Panels gar nicht erst angesprochen wird, bekam ich den digitalen Graben noch unweigerlich zu spüren. Ausgerechnet im Journalismus, denke ich immer häufiger, ist er tiefer als in vielen anderen Bereichen. Trotz der grundsätzlich offeneren Atmosphäre ist das Unverständnis vor allem älterer Kollegen gegenüber dem, was die jüngeren so machen und wie sie sich im digitalen Raum bewegen, bei einigen immer noch da. Wenn zum Beispiel Moderator Kuno Haberbusch beim „Traumjob Journalist“-Panel im Gespräch mit Juliane Wiedemeier von den „Prenzlauer Berg Nachrichten“ immer wieder einen Unterschied machte zwischen ihr und „normalen Lokaljournalisten“.

Die digitalen Inhalte haben dennoch gerade auf dieser Konferenz eine wichtige Funktion: die alte Garde ans Digitale heranzuführen, die Generationen in gewisser Weise zu versöhnen und zu zeigen, dass nicht nur der Nachwuchs von den Erfahrenen lernen kann, sondern heutzutage eben auch umgekehrt. Diesen Geist habe ich gespürt, der ist super und sollte unbedingt so bleiben. Doch der Wissensunterschied muss an einigen Stellen besser berücksichtigt werden.

  • Auf Seiten der Moderatoren, die es sich in ihren Runden bitte endgültig schenken sollten, im Zusammenhang mit dem digitalen Journalismus irgendwelche Ängste zu schüren. Das geht konstruktiver!
  • Auf Seiten der Programmplaner, die digitalen Inhalten noch mehr Raum geben müssen – und damit meine ich auch tatsächlich Raum im Sinne von mehr Platz, denn die spannenden und wichtigen digitalen Workshops hatten (wie andere Veranstaltungen auch) zu wenig davon.
  • Und zu guter letzt auf Seiten der Sprecherinnen und Sprecher. Ich hörte unter anderem die Geschichte aus einem Workshop mit praktischen digitalen Inhalten, wo aus dem Publikum Fragen kamen zu absoluten Basics, und erlebte umgekehrt, wie selbst ich als sehr digitaler Mensch überfordert war von einzelnen Inhalten.

Für die Veranstalter könnte letzteres bedeuten – und das ist mein Nummer-eins-Wunsch für die kommenden Jahre NR -, zu unterscheiden zwischen zum Beispiel Anfänger- und Fortgeschrittenen-Workshops. Ich finde, das Netzwerk Recherche schafft es inzwischen mehr, das Digitale denen näher zu bringen, die dazu bislang keinen Zugang hatten, hat aber angesichts der immer jüngeren Besucher das Problem, dass hier mindestens zwei sehr unterschiedliche Zielgruppen aufeinander treffen.

Das Ziel darf natürlich nicht sein, diese wieder voneinander zu trennen, aber den digitalen Graben überbrückt man eben auch nicht, indem man sie in Workshops setzt, wo die einen über-, die anderen unterfordert sind, die Speaker nicht richtig wissen, für wen sie das machen, und am Ende viel Lernpotential verloren geht. Es gilt, eine alternative Lösung zu finden, wie Wissen geteilt werden kann unter Berücksichtigung dieser Unterschiede.

Das wäre mein konstruktiver Vorschlag fürs nächste Jahr.

In diesem Sinne: Danke für diese Jahreskonferenz!


Ein paar weitere #nr13-Links:

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