Im Zuge der Printkrise, die dem Journalismus im Herbst einen heftigen Hieb verpasste, habe ich viel über mein Verhältnis zu Gedrucktem nachgedacht. Und blieb seither immer wieder bei drei Aspekten meiner Journalistwerdung bis heute hängen, die ich an dieser Stelle gerne teilen möchte:

1. Die Geburtsstunde eines Berufswunsches

Als ich 14 Jahre alt war und Weihnachten näher rückte, hatte ich noch kaum ein Geschenk. Meine Mutter klopft sich bis heute stolz auf die Schulter und erzählt, sie habe meinen journalistischen Pfad geebnet mit dem, was sie dann vorschlug: Ich könne doch eine Familienzeitung machen. Das Produkt dieses spontanen Einfalls, die „Good Morning“, erschien fortan mehrmals im Jahr, und ich habe selten so viel autodidaktisch gelernt wie durch meine erste eigene Publikation. Auch wenn ich mit den Geschichten über „Spice Girls“ und meine Rezension des Films „Titanic“ an der Zielgruppe – vor allem meine seniorigen Großeltern – meilenweit vorbeischrieb. Letztlich war dies nicht nur der Beginn meines Berufswunsches „Journalistin“, sondern auch mein erster Kontakt mit einer Zeitung.

2. Der Realitätscheck

Die zweite Geschichte hat mich nachhaltig geprägt, auch wenn ich mich nur noch an Fetzen davon erinnere. Bei meiner ersten Begegnung mit einem journalistischen Macher jenseits der „Mein Tag aus der Perspektive eines Wellensittichs“-Schülerzeitungs-Aspiranten, muss ich auch so um die 14 Jahre alt gewesen sein. Mein journalistisches Schicksal hatte meine Mutter vorher schon mit ihrer Geschenkidee besiegelt, jetzt sollte es konkret werden. Bei Schnuppertagen am Gymnasium saß ich in einem Klassenraum voller Teenager, kein einziger davon macht heute, soweit ich das überblicken kann, was mit Medien. Zu Gast war der Chefredakteur der Lokalausgabe der „Westfalenpost“, bei der ich kurz darauf meine ersten Schritte als freie Reporterin gehen sollte. Er sagte unter anderem einen Satz, an den ich auch denken musste, als kürzlich in einer auf den Blogs mehrerer junger Journalisten geführten Debatte der Vorwurf aufkam, die journalistische Jugend mache den Job nur des Geldes wegen:

Mit Journalismus werdet ihr nicht reich.

Und dann sinngemäß noch das, was ich spätestens während meines ersten Studiums und seither bei jeder journalistischen Konferenz wieder hören sollte: Journalist solle man doch bitte werden, wenn man dafür brenne. Er malte schon damals nicht das schmeichelhafteste Bild des Journalismus als Profession, und doch verließ ich die „Westfalenpost“ nicht, bis ich von meiner Heimat wegzog; und selbst danach kehrte ich noch gelegentlich zu meinen Wurzeln zurück. Eine Entwicklung, die für viel Verwunderung sorgte angesichts meines eigenen Leseverhaltens.

Als ich jünger war, vergruben sich meine Eltern morgens stets in ihrer Lokalzeitung. Sie schauten nur gelegentlich mal auf, um sich gegenseitig vorzulesen, womit es etwa ein Bekannter zu einem Artikel gebracht hatte. (Heute geht das alte Ritual soweit ich das beurteilen kann schneller vonstatten, weil die Zeitung dünner geworden ist und der überregionale Teil für meine einigermaßen online-affinen Eltern an Bedeutung verloren hat.) Für mich hingegen gab es, wenn ich mich morgens um 6.15 Uhr aus dem Bett quälte, nichts, das weniger Reiz gehabt hätte, als eine Zeitung aufzuschlagen. Erst als ich schon bei selbiger arbeitete und es auch darum ging, täglich meinen eigenen Namen zu entdecken, hat sich das ein wenig verändert.

3. Das schlechte Gewissen

Aber nicht genug, wie mir in den darauffolgenden Jahren meines Journalismus-Studiums immer wieder eingebläut wurde. „Ihr müsst jeden Tag mindestens zwei Tageszeitungen lesen“, lautete die Weisung eines Professors an meiner Hochschule. Also rotierte ich über Monate zwischen den Probeabonnements und blieb für eine ganze Weile bei der „Süddeutschen Zeitung“ hängen. Zwischenzeitlich abonnierte ich „Die Zeit“, den „Spiegel“, was man eben so macht, wenn man einen neugierigen Geist und große Ambitionen hat. Doch so wirklich viel von dem gelesen, was sich da bei mir stapelte, habe ich nie.

Mit den Papierhümpeln wuchs jedoch das schlechte Gewissen und das Gefühl, irgendwie inadäquat zu sein für diesen Beruf, wenn ich doch so etwas vermeintlich Leichtes wie zwei Zeitungen am Tag zu lesen, nicht „hinbekam“.

Heute: Glück im Web

Heute bin ich 27 Jahre alt und lese an einem durchschnittlichen Tag mehr als ich mir damals hätte vorstellen können. Das liegt unter anderem selbstverständlich daran, dass es zum Teil meiner journalistischen Arbeit, etwa bei Vocer, geworden ist, und zum Teil ist es auch einfach dem Lauf der Dinge entspricht. Reifeprozess und so. Nicht zuletzt das Entdecken des Digitalen hat mein Verhalten als Rezipientin nachhaltig verändert.

Ich lese nicht ein Medium, sondern über den Tag verteilt genauso Spiegel Online oder Süddeutsche.de wie die taz und Internationales wie New York Times, die Eilmeldungen der „Tagesschau“-App, was für den Techie in mir wie TechCrunch oder Netzwertig, Blogs von Stefan Niggemeier bis Carta, die Facebook-Einträge von Wolfgang Blau und natürlich allein bei Twitter 140 Zeichen, immer und immer wieder. Auf dem iPad lese ich die deutsche „Wired“, im Briefkasten warten Medienmagazine, gelegentlich kaufe ich Gedrucktes wie die Dummy – um mir jedoch bald nach dem Aufschlagen zu überlegen, ob das ein Fehler war. „Nicht, weil ich die Produkte scheiße fände, im Gegenteil, aber: Wann soll ich die denn lesen?“, wie es Lukas Heinser mal ausdrückte. Dann stapelt sich wieder das Papier in der Ecke, bis ich irgendwann diese oft so toll gestalteten Printerzeugnisse mit einem weinenden Auge in den Müll befördere.

Der Unterschied zu meiner Haltung aus Studientagen: Wenn heute, wie letztes Jahr bei den Jugendmedientagen in Hamburg, jemand um Handzeichen der Zeitungslesenden bittet, regt sich in mir nichts mir. Kein – deplatziertes – schlechtes Gewissen, weil ich nicht aufzeigen kann bei dieser Frage, die mir so eingehämmert wurde. Für die anwesenden Studierenden, die zuhauf die Hände in die Höhe schmissen, könnte das noch gelten. Was auch ein Grund ist, warum ich dieses Medialab-Projekt so gut finde, weil es nämlich danach strebt, angehenden Medienmachern neue Vorbilder und Ziele an die Hand zu geben, über die ich mich damals zwischen all den Utopien und eingefrorenen, altmodischen Erwartungen sehr gefreut hätte.

Übrigens erlebte ich kürzlich den oben genannten Hochschulprofessor und kann Entwarnung geben: Er besteht auf die Zwei-Zeitungen-pro-Tag-Formel nicht mehr.