Neue Tools zu testen und zu beobachten, auf ihren Nutzen für meine Arbeit und für andere Journalisten abzuklopfen, gehört zu meinem täglich Brot. Eins, auf das ich vor einer Weile aufmerksam wurde, heißt Torial (hier findet ihr mein Profil) und ist ein Portfolio-Tool speziell für Journalisten.

Marcus Jordan

Torial-"Frontsau" Marcus Jordan

Marcus Jordan von Torial hat uns schon bei VOCER unterstützt, mich zum Journalismus der Zukunft interviewt, sich mir gegenüber als Fan der Digital Media Womengeoutet. Zeit, ihm meinerseits auf den Zahn zu fühlen, was nicht schwer ist, denn Marcus ist ein sehr angenehmer und einer von denen der Branche, mit denen man über ein Thema zu sprechen beginnt und auf einmal hat man gemeinsame Projekte für das nächste Jahr durchgeplant.

Marcus ist… ja, wie bezeichne ich seine Position am besten? Er sagt von sich selber, dass er die “Frontsau” bei Torial sei. Die passendste bekannte Jobdefinition wäre ihm nach aber wohl eher der “sales manager”. Gefällt ihm aber auch nicht, meint er. Auf jeden Fall war Marcus von Anfang an dabei. “Bei Torial versuchen wir, Autorität nicht an konkreten Titeln festzumachen, sondern an Qualifikationen. Das ist manchmal etwas kompliziert, und ich bin vielleicht so etwas wie der Spiritus Rector.” (Ja, Spiritus Rector musste ich erst mal nachschlagen und hab es deswegen einfach mal verlinkt für alle, denen es vielleicht ähnlich geht.)

Mit Marcus sprach ich kürzlich über Torial und will euch nicht vorenthalten, was es mit dem Tool, das mehr sein will als nur ‘ne Alternative zur eigenen Website, auf sich hat.

Interview


Marcus, stell dir vor, das hier wäre ein Elevator Pitch – was ist für dich das wirklich absolut Tollste an Torial?

Marcus Jordan: Torial kickt mich, weil ich an einer Stelle mit minimalem Aufwand einen stylischen, kompletten und dynamischen Auftritt pflegen kann und auch noch an selber Stelle den Überblick behalte, über die Arbeit der Menschen, die mich interessieren. Außerdem finde ich es extrem inspirierend, mir vorzustellen, was in Sachen Kooperation, Vermarktung und Netzwerk möglich sein wird, wenn wir auf Torial erstmal eine relevante Gruppe aufgebaut haben.

Bevor wir dazu kommen, erst einmal das Wesentliche: Welche Journalisten brauchen ein Portfolio bei Torial?

Alle Journalisten brauchen ein Torial-Portfolio! Und dazu noch alle, die etwas beizutragen haben mit journalistischer Relevanz. Seien es Bilder, sonstiger Content oder Dienstleistungen wie Kamera oder Grafik.

Alle – na, das war ja klar, dass du das sagst. Wieso glaubst du, dass es so wichtig ist oder wird?

Für alle Journalisten, Freie und Angestellte, Nachwuchs und Etablierte, All-Rounder und Spezialisten wird es nun mal immer wichtiger, ihre Position im Netz zu definieren, ihre persönliche Marke aufzubauen und findbar zu sein anhand ihrer Erfahrungen, Publikationen, Verbindungen, Themen und Ideen. Denn der Anspruch an ein journalistisches Produkt wird immer mehr ein digital-globaler. Die extrem verkürzten Kommunikationswege und Publikationszyklen eröffnen neue Möglichkeiten für spontane Kooperationen, schnelle Verbindungen und die Darstellung diachroner Zusammenhänge. Sich in diesem Umfeld zu positionieren, ist für absolut alle relevant.

Es gibt allerdings schon reichlich Varianten, sich im Netz publik zu machen. Was ist der Vorteil von Torial gegenüber zum Beispiel Tumblr, was auch ein gutes Portfolio-Tool ist, das Journalisten nutzen können?

Tumblr ist ein relevantes Portfolio-Tool und würde vermutlich einfach nur für den einzelnen Journalisten “genügen”. Torial hingegen ist für Journalisten und hat den Anspruch, das einzelne Portfolio eben auch in den richtigen Kontext zu stellen. Bei Torial entsteht ein semantisch organisierter Personen- und Contentpool. Torial hat eine Netzwerkfunktion, die einen Überblick ermöglicht über die Arbeit der Menschen, die einem professionell wichtig sind und die eine Grundlage bildet für spontane Kollaboration.

Okay, also Portfolio meets Social Network.

Auf deiner eigenen Website kannst du dich nicht vernetzen, nicht archivieren, nicht kollaborieren, und der Aufwand für einen stets aktuellen, dynamischen Auftritt ist garantiert höher als bei Torial. Deine Website ist außerdem irgendwo, mit deinem Torial-Portfolio bist du da, wo auch die anderen Journalisten sind. Bei Torial bist du Teil einer Relevanzplattform und im web stehst du einfach auf irgendeiner Site.

Gesprochen wie ein wahrer Söldner ;) Du sagtest, Torial soll mehr sein als nur ein Portfolio-Tool. Wie genau sieht denn die erwähnte Kollaboration aus?

Letztlich geht es darum, grundsätzliche digitale Dynamik runter zu brechen für den journalistischen Bedarf und darum den einzelnen Journalisten rauszunehmen aus dem “world-wide-trash” und hinein zu setzen in den digitalen Raum für Journalisten. Der Wert des einzelnen Portfolios wächst mit jedem weiteren Portfolio, weil damit ein relevantes Umfeld für den einzelnen Journalisten entsteht. Also holt er sein Netzwerk dazu und so entsteht die berühmte kritische Masse.

Ja, und dann?
Aus besagter Masse ergeben sich etliche faszinierende Möglichkeiten: ein Netzwerk mit denen, die du brauchst und nicht nur mit denen, die du kennst. Eine Markt-Plattform, auf der Publizisten die richtigen Autoren und den richtigen Content finden. Inhaltliche Inspiration. Eine neue effektive Quelle für Recherche. Und viele Dinge, die wir uns jetzt vielleicht noch gar nicht vorstellen können und die wir bei Torial umsetzen können, einfach nur, weil wir wissen, wo wir uns treffen und finden können.
Konkret haben wir unter “Projekte” bereits die Möglichkeit, Ordner und Inhalte mit anderen Torialisten zu teilen – also gemeinsame, ortsunabhängige Recherchen abzubilden oder Stoffsammlungen für gemeinsame Projekte anzulegen, Meinungen einzuholen.

Ich persönlich verwende Torial bislang für ein sehr schickes, leicht zu pflegendes Portfolio, aber habe diese Möglichkeit noch nicht genutzt. Wie sieht es da mit anderen aus?
Bis jetzt eher mau. Es wird zwar viel über Kollaboration geredet, aber ich stelle immer wieder fest, dass es noch nicht viel echte Bereitschaft dazu gibt unter deutschen Journalisten. Wir basteln da auch an einer Idee für ein Bewertungsprinzip unter Torialisten, das das fördern könnte… also quasi Buddy-Points, die ich jemand anderem umhängen kann, wenn er kooperativ war, mit mir kollaboriert hat – aber noch ganz vage alles. Wir wollen abwarten, ob das genutzt wird und dann auf Anfrage weiter daran bauen.

Dein Rückblick auf 2012?
2012 war toll, weil wir am Ende eines langen Prozesses verstanden haben, was Journalisten brauchen.

Und dieses Jahr?
2013 kommt Torial auf Englisch, es kommen dynamische Posts im Portfolio, die sich automatisch die aktuellen Beiträge von anderen Plattformen holen, es kommt die perfekte Such-Funktion, ein verbessertes Kollaborations-Tool und alles das, was unsere User uns sagen.


Mehr über Torial und was ich persönlich über das Potential denke, habe ich fürs NextMedia-Blog aufgeschrieben:

…für wen das Portal interessant sein könnte: all jene Journalisten und Medienschaffende, die mit dem digitalen Raum bislang eher hadern. Die keine Lust haben, sich aufwändig in technische Details anderer Systeme einzuarbeiten. Die ihre Daten nicht dem US-Riesen Facebook geben wollen. Die von dem Gedanken abgeschreckt werden, Profile auf verschiedenen Plattformen pflegen zu müssen. Die viel Wert auf ihre journalistische Arbeit und nicht die reine Profilierung setzen. Die hier erkennen könnten, wo die Potenziale des Netzes für ihre Arbeit liegen.

Info-Trailer