Vor nicht allzu langer Zeit, während die Debatte um Privatsphäre im Internet erst so richtig loslegte, zeigte sich der US-Journalistikprofessor Jeff Jarvis irritiert: Die Deutschen, sagte er, seien mit ihren öffentlich zugänglichen Daten vorsichtig und rigide – und setzten sich gleichzeitig mit wildfremden Menschen nackt in die Sauna. (Dieser amüsante, sehr treffliche Vergleich gipfelte Anfang dieses Jahres übrigens in einem gewagten, aber konsequenten Interview, welches das ZDF mit ihm führte – halbnackt in der Sauna.)

Nun muss man zu Jarvis wissen, dass er in der Medienszene zwar sehr angesehen, aber auch nicht unumstritten ist für eben solche Aussagen, die auf ein Konzept jenseits heutiger “Standards” von Privatsphäre abzielen. Und dass er sein Plädoyer für mehr Offenheit privater Informationen auch selbst ausführlich lebt: So machte er zum Beispiel vor einigen Jahren seine Krebserkrankung öffentlich. Etwas, das ihm nach eigener Aussage nicht nur viele positive Wünsche, sondern auch wertvolle Hinweise gebracht habe.

Wieso ich diesen Fall auskrame?
Weil sich vor wenigen Tagen in meinem Twitterfeed gleich mehrere Nachrichten eines amerikanischen Medienmachers einschlichen, die mir Jarvis’ bizarren, aber meiner Meinung nach sehr trefflichen Vergleich in den Sinn kommen ließen. Mark Glaser erzählte seinen rund 17.000 Followen von seiner anstehenden Nierentransplantation, bedankte sich bei seiner Verlobten für die Spende und veröffentlichte sogar – Achtung, nichts für empfindliche Mägen – ein Foto von den ausrangierten Organen. Auch ihm antworteten die Menschen, soweit ich das überblicken kann, vor allem wohlwollend.

Einmal gegoogelt, findet man so viele Blogs, die sich mit sehr persönlichen Dingen, mit Erkrankungen beschäftigen, dem Verlust geliebter Menschen, all den Tragödien, die man sich lieber nicht vorstellen möchte. Selbst wer dieser Art von Offenheit – häufig mit Foto und anderen identifizierenden Informationen – kritisch gegenüber steht, kommt nicht umher, mitzufühlen.

Schlagen wir hingegen die Zeitung auf, surfen eine News-Website an oder sehen eine Talkshow, wo jemand über seine Erkrankung spricht… – Wie kann er nur! Und: Schande, diese Medien!

Finanzielle Motive? Geltungssucht?

Wendet sich eine recht bekannte Schauspielerin Jahre nach ihrem Schlaganfall an eine Boulevardzeitung, um “erstmals öffentlich” über ihr Schicksal zu sprechen, oder lässt eine an Alzheimer erkrankte Fußballberühmtheit ein Buch über das drohende Vergessen veröffentlichen, ist das Geschrei groß. Auch wenn sie vielleicht aus ähnlichen Beweggründen wie Jarvis und Glaser die Öffentlichkeit suchen, wird ihnen zum Nachteil ausgelegt, dass sie es sich nicht für sich behalten haben. Vor allem wegen der Art und Weise, wegen des Weges, den sie gewählt haben. Würde der Prominente sein Schicksal auf dem eigenen Blog oder Twitterkanal erzählen, wäre der Fall ein anderer? Was, wenn er auch diesen Bekanntmachungen eine Buchveröffentlichung folgen ließe?

Über finanzielle Motive kann man spekulieren und über einen Drang zu Aufmerksamkeit, wenn Promis einen Pakt mit der “Bild”-Zeitung eingehen. Und man kann – und sollte – einem Fernsehsender je nach Fall und Lage mangelnde Sensibilität vorwerfen dafür, Personen und ihr Leid für die Quote in den Mittelpunkt zu stellen.

Wenn sich jemand an die Yellow Press oder – weniger verrucht – an eine angesehene Talkshow wendet, kommt das Zukunftsszenario von natürlicher Öffentlichkeit und dem Verschwinden der Privatsphäre selten vor. Es sind dann, neben den geltungssüchtigen Protagonisten, “die Medien” schuld.

Letztlich tragen zu viele Faktoren dazu bei, ob bei solchen Fällen Schmuddelpresse geschrien oder der Schritt in die Öffentlichkeit anerkennend beklatscht wird, als dass man jetzt pauschalisierend davon sprechen könnte, das eine oder das andere sei häufiger. Und doch scheint es mir, dass derartige Veröffentlichungen im Netz eher gefeiert werden, weil sie meist automatisch den Stempel “Selbstermächtigung” tragen und als ein Zeichen von Transparenz statt von Geltungssucht gewertet werden.

Privatsphäre – ein Mythos?

Was lernen wir daraus? Es braucht keinen Besuch in der Sauna, um zu erkennen, dass wir beim Thema Privatsphäre mit zweierlei Maß messen: Wir öffnen uns im Netz selbst der Öffentlichkeit (die wir dann im nächsten Schritt beklagen). Regierungen, die Transparenz für Bürgerdaten fordern, werden vielerorts für verrückt erklärt, obwohl die skandinavischen Länder bereits beweisen, was gesellschaftlich mit etwas mehr Offenheit möglich ist. Und in den Niederlanden, so ließ ich mir mal erzählen, sei es durchaus üblich, Vorhänge offen und die Menschen auf der Straße am Leben dadurch in gewisser Weise teilhaben zu lassen.

Letzteres mag ein Mythos sein. Aber vielleicht gilt das auch für Privats- und Intimsphäre…

Jedenfalls reagieren wir gerne, als gäbe es im Netz keine unlauteren Motive für eine Veröffentlichung. Und als würden sich rechtschaffene, anständige Bürger nicht in Talkshows setzen. Dabei ist die Menschheit nicht so einfach gestrickt, wie diese Vermutung glauben lässt. Und das ist gut so.

Für die Zukunft also: entweder weniger Gezeter angesichts der Boulevard-Promis oder ein kritischerer Blick auf selbstgewählte Öffentlichkeit im Netz. Oder noch besser: etwas weniger Hobby-Psychologe spielen und manche Geschichten einfach als genau das hinnehmen, was sie sind – Geschichten.


Dieser Text ist die Langfassung meiner Bluewin-Kolumne aus der vergangenen Woche.