Nein, wir müssen nicht alle coden lernen, ABER…
Vergangene Woche war ich an meiner Alma Mater zu Besuch und habe als erfolgreiche Absolventin dem Seminar zum Berufsfeld Journalismus erzählt, wie es sich als Selbständige lebt und was sie im Journalismus in der echten Welt erwartet. Neben vielen Erzählungen von meinem Job bei VOCER bis zu der Bedeutung von Netzwerken für meine persönliche Laufbahn wurde ich auch gefragt, welche Trends ich dem Journalismus vorhersage. Im Kaffeesatz zu lesen, gehört nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, da ich persönlich Trendansagen für viel heiße Luft halte und mir lieber spare.
Doch eine Prognose, die ich auch meinen eigenen Studenten an der Macromedia Hochschule immer wieder nahe zu bringen versuche, habe ich auch in diesem Rahmen mit absoluter Sicherheit geäußert: dass ihnen die Kenntnis gewisser technischer Fertigkeiten über das Klicken eines Fett-Buttons hinaus nur helfen kann.
Dafür gehören für mich unter anderem die Kenntnis, …
- was Tags wie <b>, <p> oder <hr> bedeuten,
- wie ich ein YouTube-Video im HTML-Code einbette,
- welche HTML-Tags eher nicht in meinen Text gehören
- oder wie bestimmte Eigenschaften meines Textes über CSS gesteuert werden und was das für mich heißt.
Manchem Leser mag diese Aufzählung lächerlich vorkommen, aber selbst unter digital interessierten jungen Journalisten findet sich kaum jemand, der sich mit diesen Dingen mal ernsthaft beschäftigt hat, geschweige denn eine gewisse Routine vorweisen kann. Und wenn ich meinen Studierenden davon erzähle, schauen mich einige kopfschüttelnd an, weil sich ihnen nicht erschließt, warum sie denn als Berichterstatter solche Dinge lernen sollen.
“Please Don’t Learn to Code”
Im Zusammenhang mit den notwendigen und nicht so notwendigen technischen Fertigkeiten fällt mir ein furioser Blogpost des Webentwicklers Jeff Atwood ein, der vor einigen Wochen schrieb: “Please Don’t Learn to Code”. Er nimmt damit Bezug auf die gefühlt zum Jahreswechsel gestiegenen Vorsätze aller möglichen Leute, eine Programmiersprache lernen zu wollen, die von Diensten wie Code Year oder Code Academy bedient wurden und werden. Im Gegenteil sollten wir doch bitte “lernen, so wenig Code wie möglich zu schreiben”, so Atwood, der nach eigener Aussage selbst seit Jahrzehnten codet und das Programmieren liebt.
Bis zu einem gewissen Punkt hat er sicherlich Recht. Es ist bizarr, wer plötzlich aus welcher Motivation sagt, er wolle Coden lernen. Mich selbst durchaus eingeschlossen Doch Atwoods implizierte Schlussfolgerung ist die falsche: Natürlich geht es der Mehrheit nicht darum, Programmieren zum Beruf und damit zu Geld machen zu wollen. Auch zielen Code Academy und Co. nicht darauf ab, dass wir heutzutage alle coden lernen müssen. Nein, es geht stattdessen um ein grundsätzliches Verständnis für die Welt hinter all den Dingen, die wir täglich nutzen. Und davon können wir alle mehr gebrauchen, wenn ihr mich fragt.
Atwood dazu:
I can also recognize plumbing problems when I see them without any particular training in the area.
Und da ist er auf dem völlig falschen Dampfer.
Wenn es im Klo blubbert, und es sich nicht mehr abspülen lässt, erkenne ich das selbstverständlich als ein Problem. Aber glücklicherweise sind Computer so viel komplexer als Rohrsysteme.
Je nach Beruf ist gerade dieses Verständnis, das eben nicht so natürlich vorhanden ist wie unser Geruchssinn im Badezimmer, immer wichtiger. Im Journalismus beispielsweise wird viel über Datenjournalismus als (nicht mehr ganz so neue) Super-Innovation gesprochen. Kurz gesagt: mit Daten Geschichten erzählen; die gute alte Grafik aus der Tageszeitung auf ein neues, teils interaktives Level gebracht, bei dem nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Rohdaten für die Öffentlichkeit eine Rolle spielen. Wer im Onlinejournalismus arbeitet, wird mit diesem Thema zwangsläufig irgendwann konfrontiert werden. Sei es, weil Leser teils diese Entwicklung erwarten oder weil es bereits interaktive Vorstöße gibt. Es geht nicht darum, als Redakteur eine Geschichte zu einem Thema schreiben und gleichzeitig ansprechend interaktiv umsetzen zu können. Aber weiß der Journalist, was ungefähr technisch möglich ist, kann er in enger Zusammenarbeit mit den “echten” Programmierern viel besser die Umsetzung planen und sich überlegen, was er für welche Art der Visualisierung rein technisch braucht.
Und das ist schon ein eher seltener Fall im Alltag. Viel wahrscheinlicher sind Banalitäten: dass die oben genannten HTML-Tags nicht sitzen, und der Journalist selbst bei einem guten (Redaktionssystem mehr machen muss als ein, zwei Knöpfe zu drücken. Sondern einen Blick in den HTML-Code werfen. Selber. Ohne dafür erst die Producer anzurufen oder zum digital versierten Kollegen im Nachbarressort zu laufen. Oder schlimmer noch: einen Artikel noch mal neu anzulegen, weil da “das System spinnt”.
Das Ziel muss klar sein
Ich selbst kann ein wenig HTML und CSS und habe mir vorgenommen, hier noch mehr zu lernen – allein schon, weil ich es in meinem Alltag (sei es bei VOCER oder im Blog der Digital Media Women) auch tatsächlich gebrauchen kann. Außerdem weiß ich gerne, was möglich ist, wenn ich mit meinem Webdesigner über die Umsetzung neuer Features spreche. An der Code Academy hingegen habe ich nach wenigen Lektionen das Handtuch geworfen. Das Programm wird dem eigenen Anspruch und der steigenden Popularität meines Erachtens nach nicht gerecht: Wenn ich grundsätzlich jedem Menschen das Coden beibringen möchte, sollte ich meine breite Zielgruppe dann nicht erst mal auf dasselbe Level bringen? Eines, auf dem sie weiß, wofür ich bestimmte Fähigkeiten – in diesem Fall: JavaScript – überhaupt brauchen kann?
Anders als beim Erlernen einer Sprache – denn das ist fundamental etwas anderes, da stimme ich dem Autor von “Please Don’t Learn To Code” zu – ist der Sinn und Zweck dieser Fremdsprache eben nicht auf den erste Blick erkennbar. Auch sollte, da hat Atwood selbstverständlich ebenfalls Recht, der natürliche Umgang mit dem Internet in der breiten Bevölkerung – über den An-Knopf finden und T-Online-Mails abrufen hinaus – Priorität haben. Wobei ich ohnehin mal davon ausgehe, dass niemand Code Academy oder Ähnliches anpackt, dem dieses Basis-Knowhow fehlt…




Hallo, ich suche in HH nach genau so einem Kursus, der nicht allzu sehr in die Tiefe geht, aber das nötigste für den Alltag liefert. Kannst Du da was empfehlen? Wollten die DMW nicht so etwas mal anbieten? LG vom Gänsemarkt, Robert
Hallo Robert,
wir haben was in Planung, ja, ist allerdings noch nicht spruchreif. Ansonsten muss ich gestehen, dass mir auch nichts einfällt. Ich frage mal bei Twitter für dich!
wenn da was spruchreif wird, sage Bescheid, ich kenne einige Leute die daran sicher Interesse hätten.
Gruß
Leif
Mach ich. Ansonsten habe ich gerade per Twitter mehrfach einen Tipp gegeben, den ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann: SelfHTML. Das half mir dann, als ich ein grundsätzliches Verständnis davon hatte, dass es so was HTML gibt und wie das aussehen kann.
Der Aussage des Artikels kann ich nur zustimmen. Es ist sicherlich nicht erforderlich, in die Tiefe der Programmierung einzusteigen. Schon ein wenig Basiswissen, kann im Alltag sehr hilfreich sein. Denn so gut (kommerzielle) Text- und HTML-Programme auch sein mögen, hat etwas HTML- / CSS-Kenntis zwei erhebliche Vorteile. Zum einen kann man selbst schnell Probleme beheben, zum anderen eröffnen sich mehr (Textformatierungs-) Möglichkeiten. Kurz gesagt: Mehr Unabhängigkeit von WYSIWYG-Programmen.
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[...] Auch mit Datenjournalismus und generell technischen Fähigkeiten habe ich mich beschäftigt. Ich bin froh, als Beirat der Social Media Week (SMW) diese neuen Perspektiven für Journalisten [...]