So skeptisch mich die vorzeitigen Nachrufe auf die E-Mail als Kommunikationskanal machen – beim Social Media Club Hamburg, der am gestrigen Dienstag als Digital Consumer Day 2011 firmierte, wurde dem verdutzten Besucher eine noch viel krudere Theorie präsentiert. Die stammt von Henrik Schapp von Microsoft Windows Live, der behauptet:

Der bereits totgesagte E-Mail-Posteingang wird wieder verstärkt zur zentralen Kommunikationsanlaufstelle für Nutzer – egal ob am PC oder Mobile.

Genauer sieht die Zukunft laut Herrn Schapp so aus: Reisebuchungen, Dinge aus dem Real Time Social Web, das Hochladen und Versenden von Fotos, das Anschauen von Videos – alles wird künftig über eine Plattform laufen. Vorzugsweise natürliche eine Windows-Plattform, war schließlich auch mehr oder weniger eine Windows-Werbeveranstaltung.

Es ist ja nicht so, als gäbe es nicht schon längst eine solche Plattform, die der Definition mehr oder weniger entspricht…


Google kann das übrigens alles schon #smchhless than a minute ago via Echofon

Aber daran habe ich mich nicht so sehr gestoßen wie an der Entweder-Oder-Einstellung des Herrn Schapp (der jetzt stellvertretend für Microsoft herhalten muss), und das ist eine Grundsätzlichkeit. Prognosen à la “X ist tot, Y ist die Zukunft” gehen mir gelinde gesagt auf den Geist, im schnelllebigen Social-Media-Alltag wird der Nervfaktor nur noch auf unangenehme Weise multipliziert. (Wobei ich mich nicht davon freisprechen kann, auch schon mal eine Voraussage dieser Art gemacht zu haben.)

Die Annahme, dass eine Sache stets eine andere ablöst, kann doch kein in diesem Bereich halbwegs bewanderter Mensch ernsthaft vertreten. CDs vs. MP3s, MP3s vs. Streaming, E-Books vs. Paperbacks; wie oft haben wir diese Diskussionen schon gehabt? Selbst Facebook ist nicht der Weisheit letzter Schluss (wenn auch einer der Sargnägel für den einstigen Social-Network-Primus MySpace).

Zu denken, dass in Zukunft “alles” über E-Mail laufen wird, ist ebenso absurd wie die Annahme, dass Facebook Mail die E-Mail überflüssig macht. Für jeden Kommunikationszweck gibt es den passenden Kanal, und dass geschäftlicher Schriftverkehr nur noch über Facebook läuft, sehe ich fürs Erste nicht. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Aber ansonsten ist eine E-Mail auch weiterhin eine E-Mail ist eine E-Mail ist eine E-Mail. Ihr wisst, worauf ich hinaus will.

Das Entweder-Oder in diesem Zusammenhang lässt auf eine gewisse Blindheit unserer gesellschaftlichen und demographischen Situation gegenüber schließen. Sicher, auch Herr Schapp ist sich bewusst, dass die steile These E-Mail ist die Zukunft sich nicht auf alle Altersgruppen anwenden lässt. Der Trend sieht – laut comScore und auch einer aktuellen Studie des Pew-Instituts zufolge – so aus: Bei der sehr jungen Zielgruppe (grob: alles unter 20 Jahren) verlagert sich die Kommunikation nach und nach von E-Mails in soziale Netzwerke, aber auch ältere Zielgruppen entdecken diese Plattformen langsam für sich. Weder der einen noch der anderen Gruppe wurde bisher zweifelsfrei “nachgewiesen”, dass sie sich deswegen von der E-Mail verabschiedet. Und so schnelllebig wie unsere digitale Welt geworden ist – wer weiß, wann unerwartet das nächste Ding um die Ecke kommt, das dann Facebook zu Grabe trägt.

Die Besucher des Digital Consumer Day gehören zu einer Zielgruppe, die nicht zurückfallen wird auf E-Mail als primäres Medium, klar. Aber auch andere werden – so meine Einschätzung – eher neue Plattformen wie Facebook entdecken als ihre Kommunikation derart auf einen Kanal zu limitieren. Was nicht bedeutet, dass sie deshalb nicht für bestimmte Zwecke weiterhin E-Mail nutzen werden. Wiederum andere werden auch in Zukunft mit Social Networks nichts am Hut haben (oder haben wollen), und auch das ist in einem bestimmten Rahmen vollkommen okay.

Noch etwas möchte ich zu dem Thema zu bedenken geben, weil es mich in Diskussionen dieser Art immer wieder stört: So bequem der Gedanke auch ist, alles über eine Plattform abzuwickeln, und so gut das zum Teil jetzt schon via Google möglich ist, sollte sich der Nutzer meiner Ansicht nach lieber zwei Passwörter mehr merken und ggf. die zusätzliche Mühe auf sich nehmen. Man investiert auch nicht all sein Geld in Google- (oder nach Herrn Schapps Willen wohl Microsoft-)Aktien. Genauso sollte man auch beim digitalen Investment streuen.

Und wer bei mehr als einem Log-in an seine Grenzen kommt – auch das kam auf dem Event kurz zur Sprache -, der sollte vielleicht mal über eine Auszeit von dem ganzen Technikwahnsinn nachdenken.

Mehr zur Veranstaltung selbst hat Talinee gebloggt.