Es ist auf jeder Konferenz, die ich besuche, dasselbe: Es sitzen zu wenige weibliche Sprecher auf den Panels, hört man die Teilnehmer klagen; Ghettoisierung, tönt es dann, wenn die wenigen geladenen Frauen ihre eigene Ecke bekommen. Auf der Next Conference 2010 diese Woche in Berlin, Thema Game Changer, war das nicht anders. Es können höchstens zwanzig Prozent der über 1000 Gäste Frauen gewesen sein, der Rest war männlich – und mit überwiegend Anzugträgern auch etwas zu förmlich für einen Haufen professioneller Geeks, aber das nur am Rande.

Das Geschlechtergefälle wundert nun nicht wirklich. Und vielleicht sollte es auch nicht stutzig machen, dass unter all den Speakern der Konferenz nur sieben weiblich waren (meine Zählung dem offiziellen Programmplan zufolge), unter den Moderatoren drei, was immerhin im Verhältnis zur Summe gesehen mehr sind. Von einer Veranstaltung, die sich Next nennt, könnte man jedoch deutlich mehr erwarten. Vor allem mehr als dieses zu Recht als „back to the Fifties“ kritisierte Dreier-Panel „Social Media Women“, auch wenn die Sprecherinnen – die in New York lebende Web-Unternehmerin Cindy Gallop, Annalisa Bluhm von General Motors und Simone Brummelhuis vom Netzwerk für Internetheldinnen thenextwomen.com – sehr gut waren. Die anschließende fachliche Diskussion blieb dann aber leider zugunsten des üblichen Feminismus-Geplänkels aus.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich stehe auf Feminismus (siehe mein Aufruf: „Frauen für Social-Media-Netzwerk in Hamburg gesucht“) und finde es gerade deswegen ermüdend, immer wieder dieselben Diskussionen zu führe; ich erinnere mich mit Grauen an ein iPhone-und-Babykotze-Panel bei der letztjährigen re:publica. Wie viel schöner wäre es gewesen, wenn die drei Sprecherinnen im Social-Media-Women-Track ohne Untertöne hätten referieren können, wenn @cindygallop1 alias „Die Lady Gaga der Next“ nicht mit „sexsexsexsexpornpornporn“-Tweets auf ihr Programm hätte aufmerksam machen müssen – und noch schöner, wenn dann nicht zahlreiche Herren der Schöpfung gleich nach ihrem Kurzvortrag über makelovenotporn.com Saalflucht begangen hätten.

next10 in Berlin

next10 in Berlin, Foto: Romy Mlinzk

Mein Fazit der Next10
Fest steht für mich: Die interessantesten Gespräche auf der Next 2010 hatte ich mit inspirierenden Geschäftsfrauen jeden Alters; ein jeder dieser Plauschs auf einen Kaffee war besser als das Programm der Konferenz, das – sofern man es nicht der schlechten Akkustik wegen kaum hören konnte – sehr enttäuschend war. Viel zu viel Selbstbeweihräucherung von Unternehmensvertretern, die nicht selten auch gleichzeitig Sponsoren waren. Wenn schon Sprechzeit kaufen, dann diese doch bitte auch mit ein wenig Enthusiasmus ausfüllen. Game Changer sieht anders aus. Für eine Versammlung Hunderter vermeintlicher Vordenker gab es herzlich wenig angeregte Diskussionen (wiederum sah es außerhalb der Podien anders aus). Stattdessen von Folien ablesende, lethargische Corporate Monster, die sich nicht wirklich für ihre Kunden zu interessieren schienen. „Hätte der Konferenztitel ‚die Zukunft umfallender Reissäcke‘ gelautet – die Vorträge wären exakt die gleichen gewesen“, wie das Martina Pickhardt bei Themenriff so schön zusammenfasst.

Es war aber nicht alles schlecht. Ein kleines Highlight: Ben Hammersley von Wired UK, der ganz ohne PowerPoint – damit hat man bei mir ja schon gewonnen – aufzeigte, warum das iPad zwar wirklich das Potential hat, Heilsbringer zu sein, nicht jedoch die Verlage retten kann, wie das dieser Tage ganz gerne propagiert wird (übrigens vor allem von den Verlagen selbst (siehe dazu: „iPatzer“ auf BILDblog). Das Internet, so argumentierte er, sei deswegen lange Zeit nichts für den Großteil der Bevölkerung gewesen, weil es immer eine „riesige Maschine“ gebraucht habe. Das iPad eröffne durch seine Vielseitigkeit und seine leichte Bedienbarkeit nun das Web für ganz neue Zielgruppen. Meine Oma wird er nicht gemeint haben; dennoch hat Hammersley als einer der wenigen überhaupt das Problem der „überalterten“ Bevölkerung angesprochen – etwas, das zum Beispiel Jeff Jarvis gerne vergisst, wenn er uns die Aufgabe der Privatsphäre zugunsten einer zunehmenden Vernetztheit prophezeit.

Mein persönlicher Höhepunkt der Konferenz hatte entsprechend auch nichts mit Social Media oder Technologie zu tun; es war der Workshop „How to dance“ des amerikanischen Professors und Tanzlehrers Peter Lovatt (@DanceDrDance). Ein wenig Bewegung hatte ich nach Erzählungen über einen früheren Vortrag von ihm erwartet, aber nicht einen kompletten Tanzkurs – auch noch im Livestream. Bilder und Videos werden, sofern ich welche finde, nachgereicht. Die Erfahrung war jedenfalls toll und hat dieses Umfeld zu vieler iPad-und-iPhone-Herumtragender so aufgelockert, wie ich es mir für einen größeren Teil der Konferenz gewünscht hätte.

Vielleicht nächstes Jahr.