12

Jarvis-Interview: 70 Prozent Mut und 30 Prozent Angst

11. Jun

Ich denke, Medienjournalistin Ulrike Langer kann man schon als Expertin für Jeff Jarvis bezeichnen. Deswegen empfehle ich dringend ihr Interview mit besagtem Herrn zu lesen, das sie neulich auf der Next-Konferenz geführt hat. Nicht nur, dass es ein insgesamt sehr schönes Gespräch ist, sondern Jarvis hat wie immer sehr viele interessante Dinge zu sagen, unter anderem über die Herausforderungen, die auf die Verlage warten:

Google organisiert unsere gesamten Informationen, aber wer organisiert unsere Beziehungen? [...] [D]er [Wettbewerb] ist noch nicht entschieden. Und dann gibt es ja noch das “deep web” mit den Informationen in Datenbanken, die über Suchmaschinen nicht gefunden werden können. Wie können wir das sinnvoll organisieren? Es gibt also jede Menge Herausforderungen für die Zukunft. Die sollten wir ins Auge fassen, statt immer nur zurück zu schauen.

Wie üblich schürt Jeff Jarvis, bei aller Liebe zum Wandel, in mir neben geschätzten 70 Prozent Mut auch weiter die Furcht, dass mein gewählter Berufszweig bald nicht mehr das ist, was ich mir ausgesucht und was ich immer machen wollte:

Die Rolle von Journalisten wird sich wandeln. Journalisten werden vor allem Kuratoren, Aggregatoren und Journalismus-Lehrer sein. [...] Wo vorher 300 Journalisten beschäftigt waren, geht es rein online-basiert auch mit 35. Aber diese 35 arbeiten mit einem Netzwerk von 3000 Bloggern und Bürgerjournalisten. Wir werden solche Netzwerke entstehen sehen.

Beruhigend finde ich dann allerdings wieder die Antwort auf die Frage, ob jeder Journalist nun Alleskönner sein muss. Denn gerade zum Ende meines Studiums hin kommt eben diese Frage immer öfter auf. Obwohl ich eine crossmediale Ausbildung bei Top-Journalisten aus allen Bereichen genossen habe, möchte ich nämlich vorrangig schreiben und kann mir nur bedingt vorstellen, als Freie auch für alles gleich noch Audio und Video mitzuliefern. Dazu sagt Jarvis:

Jeder sollte die Hilfsmittel soweit beherrschen, dass er zu jeder Zeit eine Geschichte auf die gerade geeignetste Art erzählen kann. Wenn Journalisten Zeuge einer interessanten oder lustigen Szene werden von, sagen wir, Jarvis fällt von der Bühne, dann sollten sie die Szene filmen und live-bloggen können. Das ist dann keine richtige Videoreportage, aber ein zehnsekündiger Bewegtbild-Moment.

Hier gibt’s das ganze Interview

12 Antworten zu
»Jarvis-Interview: 70 Prozent Mut und 30 Prozent Angst«

  1. Trotzendorff sagt:

    Danke für den Link. Die wichtigste Aussage in meinen Augen ist: “Es ist so einfach. Ich bin dafür, dass jeder Journalist in jeder Redaktion diese neue Instrumente beherrschen sollte. Dann verstehen Journalisten auch, warum die Welt solche Dinge benutzt.” Von daher macht mir die Zukunft eigentlich nur wenig Angst – dafür erlebe ich zu viele Kollegen, die sich sträuben, dazuzulernen. Da entstehen Lücken, denke ich. Und die müssen/können wir füllen.

  2. Wie ist denn das bei news.de? Sind eure Redakteure grundsätzlich zur Multimedialität fähig? Darfst du ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern?

  3. KarlCarlson sagt:

    Ich denke auch, dass Journalisten auch in Zukunft sich vor allem auf eine Sache (Text/Video/Audio) konzentrieren werden.

    Schon jetzt merken viele Redaktion, dass beides erstens nicht zu schaffen ist und zweitens kaum solche Multitalente existieren (jeder hat schließlich eine gewisse Leidenschaft für ein Medium).

    Und ganz wichtig: wenn eine Person alles macht, kann alles nur halbherzig gemacht werden. Das hat nicht einmal etwas mit der aktuellen Niggemeier-Qualitätsdebatte zu tun. Eher damit, ob die Produktion (egal ob Text/Video/Audio) qualitativ extrem leidet – dann kann es inhaltlich noch so gut sein. Spannend wird dafür der Beruf des CvDs/Schlussredakteurs, der alle Aufagben verteilen und dann abnehmen muss – er muss zumindest für alle drei Bereiche ein Gefühl haben.

    Und: Audio wird sehr unbedeutend sein. Dort werden wahrscheinlich nur Produkte des Ö-R-Rundfunks existieren, da der Produktionsaufwand eines Videos immer geringer wird und der Nutzen viel Höher ist.

  4. Na ja, aber beim Radio geht es doch nicht um die Frage, ob Video nicht schöner ist, sondern auch um den Rahmen der Nutzung. Wenn ich im Auto sitze, ist das Radio immer noch das Medium meiner Wahl – wobei du natürlich Recht hast, dass in allen anderen Lebensbereichen die Bedeutung abnimmt.

  5. KarlCarlson sagt:

    @Radio klar ;) im Fernsehen überlegen wir ja auch nicht nur die Audiospur oder nur Text zu senden, weils vielleicht eher zum Thema passt;)

  6. Trotzendorff sagt:

    @Carolin: Das kann ich sicher. ;-) Wir sind eine genauso bunte Redaktion wie wohl die meisten. Und auch bei uns sitzen natürlich nicht nur Web2.0-Apologeten und Technikfreaks. Dadurch aber, dass wir eine reine Onlineredaktion sind – ohne Printtitel im Rücken – sind vielleicht Notwendigkeit aber auch Bereitschaft, sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen, größer. Aber auch bei uns gibt es natürlich Kollegen, die in erster Linie Journalisten sind, weil sie schreiben wollen.

  7. Werden diese Kollegen denn dafür akzeptiert oder eher argwöhnisch betrachtet?

    Ich find’s in der Tat interessant und gut zu wissen, dass es bei einem reinen Online-Medium nicht notwendig ist, neben dem Schreiben immer auch VJ zu sein.

  8. Trotzendorff sagt:

    Nein, auch bei uns werden Aufgaben ganz klassisch verteilt und es gibt vom Spezialisten bis zum Allrounder eigentlich alles. Argwöhnisch betrachtet wird deshalb glaube ich niemand, zumindest bekomme ich von sowas nichts mit. Es wird diskutiert, das sicher. Aber das halte ich meistens für konstruktiv.

  9. Das war übrigens der 300. Kommentar, Glückwunsch ;-)

  10. Trotzendorff sagt:

    Komm ich jetzt ins Fernsehen? ;)

  11. Wow, ich sehe jetzt erst, dass sich hier eine spannendere Diskussion entwickelt hat als unter dem Original-Interview auf meinem Blog :-)

    Danke fürs Verlinken, Carolin, und noch eine Bitte:
    Mein Blog ist inzwischen umgezogen. Könntest Du den Link bitte aktualisieren? (URL-Abschnitt …medialdigital.wordpress.com… durch …medialdigital.de… ersetzen). Merci!Grüße, Ulrike

Hinterlasse eine Antwort