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Jahrestagung des Netzwerk Recherche – ein Resümee (2)

7. Jun

Wie angekündigt folgt nun der zweite Teil meines Rückblicks zur Jahrestagung des Netzwerk Recherche, wiederum das Beste des Tages:

Der Tag begann zu humaner Zeit mit der Podiumsdiskussion zum Thema Angst um Jobs und Inhalte – die Medien in der Krise. Trotz leichter Antipathien gegen einen Teil der Teilnehmer wollte ich mir das vielversprechend besetzte Panel nicht entgehen lassen, zumal ich am Vortag vor allem die Veranstaltungen im kleineren Rahmen mitgemacht hatte. Viel Neues zur Zukunft des Journalismus ist, wie nicht anders zu erwarten, nicht dabei herausgekommen, allerdings einige interessante Erkenntnisse.

So erfuhr der Anwesende etwa, dass sich der für seine vorbildliche Verknüpfung von Online und Print geschätzte Freitag noch “in der Investitionsphase” befindet. Verleger Jakob Augstein sagte außerdem, das gesamte Medium inklusive dem Online-Auftritt solle sich in Zukunft über den Verkauf der Zeitung finanzieren. Eine nicht unwesentliche Erhöhung des Copypreises schien ohnehin ein Konsens unter den Diskutanten zu sein, als es um die Finanzierung ging – “auch wenn dann [ein Magazin wie der Spiegel] nur noch 600.000 statt eine Million Exemplare verkauft”, sagte etwa Gruner+Jahr-Vorstandsvorsitzender Bernd Buchholz.

Buchholz setzte alle rhetorische Macht daran, nicht bloß als der böse Manager mit dem Sparzwang gesehen zu werden. Es störe ihn, dass die Diskussion über die Zukunft von Print nur noch in Form von Kondolenzschreiben geführt werde. Medienwissenschaftler Stephan Weichert, der gerne mit einer Finanzierung durch Stiftungen jongliert, hat im Übrigen keinen Zweifel daran, dass zum Beispiel Spiegel und Stern auch in 50 Jahren noch da sein werden.

Etwas anders argumentierte der Schweizer Verleger Urs Gossweiler, der mutig den neben ihm sitzenden Spiegel-Co-Chef Georg Mascolo kritisierte (O-Ton ungefähr: Der Spiegel hat versagt, weil Anzeigenkunden nicht ordentlich zu Spiegel Online überführt wurden.) und sich als Fan der Wochenzeitung Freitag bekannte. “Das tägliche Physikalisieren auf Papier gehört der Vergangenheit an”, sagte Gossweiler, dessen Jungfrau Zeitung nach eigenen Angaben weltweit einzigartig ist. Als einzige Lokalzeitung überhaupt, die einen Markt von gerade einmal 45.000 Einwohnern (rund um den Berg Jungfrau auf der Grenze der Kantone Bern und Wallis) bedient, beschäftige man zehn gut bezahlte Journalisten. Die einstige Tageszeitung erscheint mittlerweile nur noch zwei Mal in der Woche auf Papier und an den sonstigen Tagen allein im Internet – mit finanziellem Erfolg (genaue Zahlen fehlen mir leider).

Während Georg Mascolo davon sprach, dass niemand im Moment die “große Blaupause” zur Lösung des Strukturproblems habe, schickte Gossweiler, der während des einstündigen Panels für einige Lacher im Publikum sorgte, einen hoffnungsvollen Ratschlag in Richtung Spiegel und Co.: “Wenn wir das mit 45.000 [Zielpersonen] schaffen, schaffen Sie es auch mit 82 Millionen.”

Gelernt: Jakob Augstein kam auch beim zweiten Panel, auf dem ich ihn binnen zwei Monaten sitzen sah, nicht so zum Zug, wie er es verdient und sich vermutlich gewünscht hätte. Die Kollegen bewundern seinen Mut, aber dass der Freitag noch keinen Cent abwirft, war wohl doch überraschend.

Nach ein bisschen Networking – oder Socialising, wie am Vortag sogar im offiziellen Programmplan stand – ging es zur nächsten Sitzung. Wer es überhaupt noch in den schwer überfüllten Raum schaffte, kam sich vor wie inmitten von Groupies, damit hatte Moderatorin Julia Stein nicht Unrecht. Auf dem Podium: Stefan Niggemeier. Als Journalist war er vielleicht nicht der richtige, um zu erzählen wie denn Recherche für den Blog (das Blog, liebes Netzwerk Recherche) funktioniert. Schließlich sind BildBlog und Niggemeiers Privatblog von Natur aus eher journalistisch als dem Namen nach Blogging, finde ich jedenfalls. Dennoch waren die Erzählungen erfrischend, weil seine Arbeit im Grunde stinknormal ist und nicht so glamourös wie manch einer vielleicht denkt. Schön: Den Vormittag gibt’s bei seiner Arbeit nicht, ein Langschläfer, so so!

Gelernt: Argumentieren mit Stefan Niggemeier – “Journalisten sagen, Google ist keine Recherche, aber nicht googlen ist auch keine Recherche.”

Als nächstes saß ich im Forum Warum, wieso, weshalb? Das “Was mit Medien”-Curriculum, wo sich Vertreter von Henri-Nannen-Schule, dem Dortmunder Institut für Journalistik, dem Journalistik-Studiengang der FH Bremen und der Axel-Springer-Akademie erzählten, warum ihr Studium das beste sei. Außerdem habe ich zum ersten Mal Henri-Nannen-Schüler in der freien Wildbahn erlebt und war ein wenig erschreckt, wie loyal sie ihrem Schulleiter Andreas Wolfers gegenüber sind. Der bewies eindrucksvoll, wie festgefahren in alten Strukturen die Ausbildung an seiner Institution ist. Crossmedial – okay, Öffnung für die Chancen des Web 2.0 (Social Networks und Co.) – nein. Die Technik werde schon angeschnitten, aber vorrangig ginge es um das Handwerk, das sei immer so gewesen und werde sich auch nicht ändern. Da wunderte es mich wenig, als ich eine seiner Schülerinnen hinter mir flüstern hörte: “Zehn Prozent der Nutzer bei Twitter produzieren neunzig Prozent des Inhalts. Und das ist doch ohnehin alles Unsinn.” Schön aus der Süddeutschen vom gleichen Morgen zitiert, lernt man das an der Nannen-Schule?

Die vier Diskutanten strunzten also, die einen, wie praktisch orientiert ihre Möglichkeit und die anderen, wie wichtig ihre universitäre Ausbildung sei. Als ich aufstand, um meinen Studiengang als interessante Verschmelzung dieser Varianten in die Runde zu werfen, glaubte ich zunächst, interessierte Blicke zu sehen. Doch Fehlanzeige: Ich setzte mich, und sogleich machte Moderatorin Annette Milz, die ich am Vortag noch so gut fand, mit den vier Gestalten neben ihr weiter, als hätte ich kein Wort gesagt. Und das in einem Forum, in dem der Nachwuchs zu Wort kommen sollte und sogar offen dazu aufgefordert wurde, mit zu diskutieren. Bravo. Sechs, setzen.

Gelernt: Vorurteile pflegen ist nicht schwer, wenn man so gute Vorlagen bekommt.

Ebenso wenig ergiebig war meine nächste Wahl, das Panel von Uni-Dortmund-Professor Holger Wormer (auch bekannt als 1Live-Erklärbär “Professor Holger”), was jedoch nicht an seiner Kompetenz oder der des ebenfalls anwesenden Spiegel-Redakteurs Markus Grill lag. Vielmehr war der Titel Lohnende Recherche: Wie finde ich einen echten Experten? irreführend. Die beiden erklärten hauptsächlich, wie ich herausfinde, ob ein Experte was taugt, den ich aber zunächst einmal gefunden haben muss.

Gelernt: Wissenschaftsexperten (Mediziner etc.) findet man auf pubmed.org, ansonsten eignet sich das Forschungsportal des Bildungsministeriums oder wie gewohnt ein Anruf bei einer anerkannten Hochschule.

Den eindrucksvollen Konferenzschluss gab das bewegende Thema Winnenden. So sehr Moderator Kuno Haberbusch (“Zapp”) auch betonte, statt der gewählten Teilnehmer hätten noch fünfzig andere Medienvertreter auf dem Podium sitzen können – bei der Diskussion Geklaute Fotos, verletzte Intimsphäre – Medien ohne Moral galt die goldene Regel: Setze einen Bild-Redakteur dazu, und es wird hitzig. Der stellvertretende Bild-Chef Nikolaus Fest sorgte also wie erwartet für lautes Aufstöhnen, und ich war sicherlich nicht die einzige, die zwischenzeitlich das Bedürfnis hatte, rauszugehen oder laut aufzuschreien. Schon seine Körpersprache sprach Bände, ein stereotyper Boulevardjournalist eben, wie im schlimmsten Film. Über seine Aussagen werde ich an dieser Stelle deswegen kein Wort verlieren, die meisten habe ich ohnehin schon wieder verdrängt.

Im Großen und Ganzen ging es um die Frage, welche Bilder des Amoklaufs, der Opfer und geschockten Schüler man nicht hätte zeigen sollen, wie mit Material aus Social Networks wie in diesem Fall Kwick und SchülerVZ umzugehen ist und was man aus dem Winnenden-Drama lernen kann. Was ich über die Berichterstattung und die Nutzung von Twitter zu diesem Anlass denke, hab eich bereits damals aufgeschrieben.

Dass sich “Brisant”-Redaktionsleiter Hans Müller-Jahns an diesem Abend für möglicherweise verletztendes Verhalten von Journalisten bei den Angehörigen entschuldigte, war sicherlich angebracht. Spiegel-Co-Chef Georg Mascolo hingegen würde alles wieder genauso machen, sprich: Das Bild des Amokläufers auf dem Titel abdrucken. Es habe am ehesten gezeigt, was für ein harmlos wirkender Junge er gewesen sei, und die Entscheidung sei deshalb gutes Handwerk gewesen – ebenso wie die des Focus, der seinerzeit die Bilder der Opfer auf dem Titel hatte. Gisela Mayer vom Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden, die selbst eine Tochter verlor, empfand das genauso. Es komme auf den Kontext an, und solange die Fotos der Getöteten im Sinne einer Traueranzeige abgebildet seien, sei dies in Ordnung. Fotos aus Netzwerken kopieren oder von Trauerstellen an der Schule klauen, sei etwas ganz anderes, sagte sie mit einem Seitenhieb auf Nikolaus Fest.

Enttäuschend finde ich, dass der Deutsche Presserat – hier vertreten durch Sprecher Manfred Protze – noch immer keine einheitlichen Maßnahmen gegen das Nutzen von Material aus Social Networks beschlossen hat. Auf meine Frage, ob absofort jedes Mitglied damit rechnen müsse, von der Presse ausgeschlachtet zu werden, bekam ich keine befriedigende Antwort. Überhaupt verharrte die Diskussion zu sehr auf den Fotos, die sicherlich ein wichtiger Aspekt, aber sicherlich nicht das ganze Problem sind. Was ist mit Gästebucheinträgen, Gruppenzugehörigkeiten, Texten, die Mitglieder auf ihren Seiten posten? Es kann nicht sein, dass Medienvertreter solche Informationen, deren Validität niemand, auch nicht die Angehörigen, überprüfen kann, nutzen – das möglicherweise überwiegende öffentliche Interesse, mit dem Herr Protze argumentierte, spielt meiner Meinung nach überhaupt keine Rolle.

Gelernt: Herr Fest hat gelernt, dass Tim K. bei seinem Amoklauf keinen Tarnanzug getragen hat, die entsprechende vom Presserat gerügte Bild-Fotomontage also in der Tat nicht in Ordnung war. Und ich habe gelernt, dass auch ein Nikolaus Fest einen Fehler eingestehen kann. Als sei es ein Reflex tätigte er danach allerdings sogleich die nächste Kracheraussage, um bloß den Funken Menschlichkeit sogleich wieder im Keim zu ersticken.

Hinweis: Ein gesamtes Resümee der Jahrestagung folgt morgen im Laufe des Tages.

Eine Antwort zu
»Jahrestagung des Netzwerk Recherche – ein Resümee (2)«

  1. [...] ich schon sehr detailliert über die beiden Tage des Netzwerk-Recherche-Treffens erzählt habe, will ich noch ein kurzes Resümee der Tagung [...]

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