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Jahrestagung des Netzwerk Recherche – ein Resümee (1)

7. Jun

Anstatt des allsonntäglichen “Ich, aktuell, woanders” gibt es heute an dieser Stelle den ersten Teil meines versprochenen Rückblicks auf die Jahrestagung des Netzwerk Recherche. Zum ersten Mal habe ich an diesem Wochenende den Weg zur Konferenz von Journalisten für Journalisten gefunden – endlich und zum Glück, denn nach zwei Tagen bin ich um einige Erfahrungen und interessante Kontakte reicher. Zum Gesamt-Resümee komme ich später, jetzt erst einmal ein kurzer Abriss dessen, was ich am Freitag als besonders erwähnenswert empfand:

Eingestiegen bin ich mit einem Vortrag aus der Reihe Lernen von Profis. Gleich zu Anfang mal was Praktisches, dachte ich mir, und die Idee hinter der Sache war auch nicht schlecht: Fachfremde wie Polizisten, Rechtsanwälte oder Detektive erzählten von ihren Verhörtechniken, als Journalistin sollte ich daraus Inspiration für meine Arbeit ziehen. Was Polizistin und Buchautorin Nikola Hahn über Wahrnehmungsschwierigkeiten, Vorurteile und den Einfluss des persönlichen Interviewstils auf die Qualität der Antwort sagte, war mir zwar nicht komplett neu, die Perspektive der Polizistin jedoch schon.

Gelernt: Beziehung zum Gegenüber aufbauen, dann erst die zentralen Fragen stellen. Aussagebereitschaft fördern, indem man sich in die Persönlichkeit hineinfindet und den Gesprächspartner unabhängig von der eigenen moralischen Einstellung betrachtet.

Weiter ging es – eine Stunde stehend! – mit Die Fehler-Profis – Fact-Checking im Journalismus unter anderem mit Jens Bergmann von brand eins. Eigentlich hatte ich zu einem Vortrag über Computer Assisted Reporting gehen wollen, doch kurz vorher unterhielt ich mich noch mit Herrn Bergmann und dem ebenfalls teilnehmenden Matthias Unger von Geo und wollte nicht in die andere Richtung gehen ;-) So erfuhr ich unter anderem, dass es beim Spiegel mal einen Autoren gab, der häufig die Vornamen bestimmter Menschen in seinen Texten nicht wusste und als Platzhalter die Namen Daisy und Donald einsetzte, in der Hoffnung, dass die Dokumentation schon die wirklichen Namen finden würde.

Gelernt: Selbst professionelle “Factchecker” wie Herr Unger von der Geo wissen Wikipedia zu schätzen (“Wikipedia ist großartig”), warnen aber selbstverständlich davor, das Online-Lexikon als einzige Quelle zu nutzen.

Schon bei der re:publica vor zwei Monaten führte das Panel “Wenn Frauen bloggen – Warum Babykotze genauso relevant ist wie das iPhone” bei mir und anderen Anwesenden zu der Frage: Warum wird ein solches Panel in einem kleinen Raum versteckt, und die Podien sind von – pardon – alten Männern bevölkert? Auch auf der Jahrestagung gab es das obligatorische “Warum nur so wenige? Frauenkarrieren im Journalismus”, anlässlich dessen sich wiederum einige Zuschauerinnen (und möglicherweise auch die fünf Alibi-Männer im Raum) aufregten, dass der Rest der Veranstaltung von Männern dominiert sei und sich in den letzten 30 Jahren an der Diskussion nur wenig getan habe. Das kann ich nicht beurteilen, da stand ich noch als Quark im Regal. Zwei Urteile erlaube ich mir jedoch: Die Mediummagazin-Chefredakteurin Annette Milz lieferte mit die beste Moderationsleistung auf der Tagung ab, und Sonia Mikich vom WDR-Fernsehmagazin “Monitor”, die ich an diesem Tag zum ersten Mal in einem solchen Rahmen erlebte, ist eine tolle Frau. Sie gab auch ehrlich zu, gekniffen zu haben, als es darum ging, befördert zu werden, weil sie sich seinerzeit für die noch höhere Position nicht qualifiziert genug fühlte. Tenor aller: Mut beweisen und um Beförderungen kämpfen.

Gelernt:Es braucht eine Frauenquote in den Medien, dann gleicht sich die Situation endlich aus, und Panels wie dieses werden überflüssig. Außerdem: 8,95 Euro in “Das Uschi-Prinzip” investieren.

“Viel Lob, keine Kohle – Wie Freie besser verhandeln können” klang vielversprechend, auch wenn ich im Verlauf meines Studiums schon zahlreiche Tipps zu diesem Thema bekommen habe. Das Panel der Freischreiber erinnerte mich nicht nur daran, dass der Mitgliedschaftsantrag noch immer auf meinem Schreibtisch lag, sondern motivierte mich außerdem, mein großes Mundwerk im Job stärker einzusetzen. Gleichzeitig waren die Beispiele von Verhandlungsschwierigkeiten freier Journalisten, die der Verein gesammelt hatte, ein wenig ernüchternd.

Gelernt: Nach vier Tagen (plus Wochenende) gilt ein der Redaktion abgeliefertes Skript als abgenommen. Sofern nicht innerhalb dieser Frist konkrete Vorschläge kommen, wie der Text zu verändern sei, kann der Journalist eine Rechnung schicken und ist mit seiner Forderung im Recht. Wo das gesetzlich festgehalten ist, werden die Freischreiber noch auf ihrer Website bekanntgeben, hieß es.

Für weitere Ernüchterung anstatt der erhofften Klarheit sorgte im Anschluss eine Präsentation über die Navigation im Freien-Dschungel: Tipps zur KSK und Existenzgründung. Ich habe das Gefühl, als hätte ich die Präsentation des freien Journalisten Wolfgang Kiesel zu diesem Thema so oder so ähnlich schon mal irgendwo gesehen. Sollte dem so sein, hat sie mich leider auch beim zweiten Mal keinen Deut schlauer gemacht. Wer nicht zumindest eines der Gewerkschaftshandbücher für Freie gelesen hatte, war meines Erachtens nach eine halbe Stunde lang ziemlich verloren. Ich jedenfalls habe fast nur Bahnhof verstanden und hatte nachher mehr Angst vor der Selbstständigkeit als vorher.

Gelernt: Unbedingt was über die freiwillige Arbeitslosenversicherung lesen, den Antrag der Künstlersozialkasse nicht ohne Hilfe ausfüllen und niemals mit denen telefonieren!

Das letzte Panel am ersten Tag hätte ich mir getrost schenken können. Nicht, weil Who is who? Personen-Recherche im Internet schlecht gewesen wäre, aber es ging lediglich um die absoluten Basics, und so war für mich nichts Neues dabei.

Gelernt: Bei diesem Panel ahnte ich das erste Mal, dass der gemeine Netzwerk-Recherche-Anhänger leider mehr als eine gesunde Skepsis gegenüber Social Networks als Recherchemittel hat. Nicht nur, dass er selbst nicht twittert, sondern er verschließt sich den neuen Chancen, die das Internet bietet. Diese Erkenntnis sollte sich am zweiten Tag noch verfestigen…

Hinweis: Teil 2 folgt heute Abend und ein Gesamt-Resümee morgen

4 Antworten zu
»Jahrestagung des Netzwerk Recherche – ein Resümee (1)«

  1. [...] angekündigt folgt nun der zweite Teil meines Rückblicks zur Jahrestagung des Netzwerk Recherche, wiederum das [...]

  2. Annette Milz sagt:

    Liebe Frau Neumann,
    dank für Lob & Kritik in Sachen Moderation. Was das Ausbildungsthema am 2. Tag betrifft: Da nahezu alle der Anwesenden bereits ihre Wahl für den Ausbildungsweg getroffen hatten, hatte ich Ihre Wortmeldung als dankenswerten Hinweis, nicht als Diskussionsbeitrag verstanden. Sorry, wenn Ihre Wortmeldung anders gemeint war. Der Focus der Diskussion sollte mehr auf den Chancen für das “Danach” liegen, aber ich denke auch, dass noch reichlich Diskussionsstoff offen blieb…
    Im übrigen finde ich Ihre Zusammenfassung – insbesondere mit dem persönlichen Resummee “gelernt” – ganz prima!
    Besten Gruß, Annette Milz, mediummagazin

  3. Liebe Frau Milz,
    ich freue mich sehr, dass Sie direkt zu dem Thema Stellung nehmen, da ich mich nach dem Forum in der Tat noch sehr geärgert habe. Die Kritik gilt auch nicht bloß für diesen Tag und dieses Panel, sondern ist leider ein Eindruck, den ich allgemein habe, was meine Ausbildungsstätte angeht. Mich hätte interessiert, wie die anderen Teilnehmer und auch die Anwesenden, die ganze Reihe Nannen-Schüler eingeschlossen, über die Media School denken. In der Praxis habe ich nämlich leider viel zu oft den Eindruck, dass man mit dem Attribut Henri-Nannen-Schule sofort die Aufmerksamkeit der Leute hat, über die Media School aber immer noch zu wenig bekannt ist. Dass es mir um ein Stimmungsbild geht, hätte ich wohl direkt in die Runde fragen sollen.
    Gruß zurück,
    Carolin Neumann
    P.S.: Das sechs, setzen am Ende meines zweiten Beitrages war – nur um das noch klarzustellen – eine allgemeine Kritik und sicherlich nicht auf Sie persönlich bezogen! ;-)

  4. [...] ich schon sehr detailliert über die beiden Tage des Netzwerk-Recherche-Treffens erzählt habe, will ich noch ein kurzes Resümee der Tagung [...]

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