Alles in allem finde ich das aktuelle Süddeutsche Zeitung Magazin zum Thema „Wozu Zeitung?“ gar nicht so schlecht. Selten habe ich in einer alphabetischen Auflistung, die ich normalerweise für eine der dümmsten pseudojournalistischen Varianten halte, so kluge Einfälle zu den Buchstaben X und Y gefunden. Mir gefällt die Mischung der Texte, die mal von Autoren der Süddeutschen, mal von Außenstehenden geschrieben sind. Und obwohl das Gespräch mit Jeff Jarvis über G wie Google das gefühlt zwanzigste dieser Woche ist, habe ich dieses wie andere Interviews recht gern gelesen.

Und jetzt kommt das große Aber: In den Text M wie Moot haben sich zwei Unwahrheiten eingeschlichen wurden gezielt Fehlinformationen gestreut, und das SZ Magazin übernimmt diese scheinbar ungeprüft.

Besagter Text stammt vom 4Chan-Macher mit dem Pseudonym Moot höchstpersönlich. Vorab muss ich zu dem mal kurz was sagen: Schon auf der re:publica in Berlin im letzten Monat hat mich dieser Typ richtig wütend gemacht. Er erzählte fröhlich vom Rickrolling, den Lolcatz, den ganzen banalen Memes im Forum 4chan.org eben, und pries die Anonymität und – das kann ich unterschreiben – die Anti-Scientology-Bewegung Chanology. Ich verlinke 4Chan jetzt mit Absicht nicht, denn: Die Anonymität bringt es eben auch mit sich, dass auf der Seite Kinderpornografie und Bilder – wie es ein Kollege neulich ausdrückte – von zu großen Gegenständen in zu kleinen Körperöffnungen zu finden sind.

Mir haben fünf Minuten, die ich für eine Recherche auf der Seite verbrachte, gereicht, und ich hätte am Abend beinahe nicht einschlafen können. Bis jetzt kann ich nicht glauben, wie Moot am ersten re:publica-Tag für seinen Vortrag bejubelt wurde (als einziger Redner an dem Tag wohlgemerkt!). Moot spricht lieber über Katzenbildchen und spart die negativen Seiten von 4Chan aus, auch wenn er es womöglich im Grunde genauso sieht wie ich. Auf der re:publica meinte er zum Beispiel, er sei dankbar, dass das Internet gerade nicht funktioniert, damit wir uns die schlimmen Sachen auf dem Imageboard /b/ nicht anschauen können.

Doch zurück zu seinem Text. „[Er] wurde gerade zu einer der bedeutendsten Personen der Welt gekürt“, steht oben drüber. Es mag sein, dass der fürs Setzen des Artikels verantwortliche Redakteur schlicht die Information aus dem Text übernommen hat. Denn dort schreibt Moot:

„moot wurde vom Time Magazine als eine der einflussreichsten Personen 2009 bezeichnet.“

Was der SZ Magazin-Redakteur scheinbar nicht wusste – und Moot erwähnt das auch in seinem Artikel nicht: Die Time-Liste der hundert einflussreichsten Menschen des Jahres wurde in gewohnter 4Chan-Hacker-Manier manipuliert, nachzulesen unter anderem auf blogpiloten.de. Sicherlich hat der gerade mal 21-Jährige einiges an Einfluss gewonnen mit 4Chan, aber die Nummer eins ist er sicher nicht (- übrigens genauso wenig wie andere der Genannten auf die Liste gehören). Obwohl, wie die Blogpiloten anmerken: „Vielleicht zeigt dieser Hack, wie verdient der Titel tatsächlich ist.“

Von dieser Ungenauigkeit abgesehen, stellt das SZ Magazin Moot als Christopher Poole vor. Seit US-Journalisten diesen Namen als seine angeblich wahre Identität enthüllten, kursiert er überall im Internet als Tatsache. Bei der re:publica stellte er sich als Christopher Poole vor – machte dabei aber Anführungsstrichen mit seinen Fingern. Als ich ihn später bei einem Interview drauf ansprach, verneinte er wiederum, dass dies sein wahrer Name sei. Für das SZ Magazin schreibt er nun:

„Meinen echten Namen kannte im Netz niemand, bis mich Journalisten vom Wall Street Journal im letzten Jahr ausfindig machten. Erst da erfuhren auch meine Eltern und Freunde von meinem ’second life‘: Zuvor hatte ich allen, für die ich ‚Chris‘ war, mein Internet-Ich und die von mir geschaffene Plattform verheimlicht.“

Augenscheinlich scheint die Frage nach seinem echten Namen für Moot nicht weiter als ein großer Spaß zu sein. Er spielt mit der Anonymität und mit der langsam aufkommenden Neugierde der Menschen und der Medien seine Person und seine Identität betreffend. Dabei ist es, wenn wir ehrlich sind, weder besonders spannend noch von Belang, ob er nun Christopher Poole oder Max Mustermann heißt (‚tschuldigung, besseres Gegenbeispiel fiel mir gerade nicht ein). Was mich allerdings stört, ist, dass der vermeintlich echte Name im Süddeutsche Zeitung Magazin als gegeben steht.

Was sonst noch so an der Ausgabe kritisert wird, könnt ihr unter anderem bei Niggemeier, hier oder hier nachlesen.