Was für ein Twitterquatsch (1)
Ich wünschte, alle Welt würde endlich aufhören, alles je Dagewesene in Twitter zu übertragen. Als wären Twitterinterview (mehr dazu die Tage) oder ein gefühltes Dutzend neuer ach so hilfreicher Tools täglich nicht genug. Heute in der Kategorie bescheuerter Twitterquatsch: ein Rekordversuch, die Geschichten der Bibel auf je 140 Zeichen zusammenzufassen.
Vorhin habe ich einen Flyer der Aktion in meiner derzeit wohl eher als Chaos zu bezeichnenden Ordnung gefunden, den ich auf der re:publica mitgenommen haben muss. Darauf steht: “Twitter Rekordversuch: Die gesamte Bibel in Kurzform”. Erst dachte ich, dass vielleicht ein paar gelangweilte Teenager im Sommerlager der Kirche ein bisschen zuviel von der verbotenen Twitterfrucht gegessen haben.
Aber nein. Dieser Unsinn wird präsentiert von evangelisch.de, einer durchaus seriös anmutenden Plattform, die im Herbst an den Start gehen soll. Rein optisch sieht die Website bzw. der schon aktive Blog ganz nett aus, ob man nun mit der Kirche was am Hut hat oder nicht. Und Melanie Huber, die den Aufbau leitet, hat auch bereits einiges an Erfahrung in der Kommunikations- und Medienbranche. Unter anderem war sie bis 2006 Redaktionsleiterin bei Zeit Online.
Was soll also dieser krampfhafte Versuch, hipp und modern zu sein? Warum mussten die sich dafür unbedingt Twitter als Kanal rauspicken? Und was soll dieses Statement, das ich irgendwo gelesen habe, dass Jesus heute auch twittern würde? Guter Gott, ich kann ja verstehen, dass die Kirche modern sein will. Aber die Bibel in 140 Zeichen, auch wenn’s für “Insider” womöglich ganz amüsant ist, ist mir einfach ein bisschen zu aufgesetzt trendy. Von dem unglaublich schlechten Promo-Video mit so gar nicht Bibel-tauglichen Technobeats im Hintergrund wollen wir mal gar nicht sprechen. Ich gehe jetzt mal zu Gunsten von evangelisch.de davon aus, dass das nicht auf deren Mist gewachsen ist:
Du reihst dich gerade in die Linie derer ein, die sich im Internet einfach nur auskotzen, ohne sachlich bleiben zu können. Es geht der Aktion sicher nicht nur darum “hipp und modern” und “trendy” zu sein, was dein einziger Argwohn im Text ist. So gesehen wäre dein Vorwurf lediglich, man sonne sich nur im Lichte aktueller Trends ohne eigener neuer Idee. Naja, ein sehr seichter Gedanke, den man immer und jedem vorwerfen kann, der sich nur irgendwie äußert. Z.B. dir und deinem Blog.
Es geht eher darum, Althergebrachtes in aktuellen Formen darzustellen. Dass das nicht die Bibel ersetzt, ist klar. Aber das hat ja auch niemand behauptet. Mich interessiert diese Aktion der evangelischen Kirche nicht, aber sie ist sicherlich nicht “unseriös”.
Vielleicht. Aber sie ist lächerlich und überflüssig.
Raubt man der Argumentation ihre emotionalen Ebene (die in einem Blog m.E. übrigens angebracht ist), bleibt dennoch eine interessante und durchaus sachliche Frage: Wo ist der Mehrwert?
Andere sagen dazu “Was soll der Sch***?” oder ähnliches, meinen aber dasselbe.
Das ganze riecht verdächtig nach Marketing-/PR-Strategien, die auf Aussagen wie “Wir müssen was mit Webzweinull machen” basieren (was immer das sein soll). Leider passiert so etwas immer noch, trotz der Feststellung, dass “Update” kein Synonym für “Zugewinn” ist.
Lieber Carsten, dieses Blog beschäftigt sich nun mal unter anderem mit Themen, die mir auffallen und irgendwie gegen den Strich gehen. Ich kotze mich ja nicht nur aus, da solltest du vielleicht noch mal ein bisschen im Blog blättern… Wenn ich damit zu einer Diskussion anregen kann: umso besser, dafür ist das Ganze doch da!
Habe ich übrigens an irgendeiner Stelle geschrieben, dass ich die Seite oder die Aktion für unseriös halte? Wenn du’s zwischen den Zeilen gelesen hast, dann sorry – war definitiv nicht die Intention. Im Gegenteil: Wer sich die Mühe macht, Flyer zu drucken und eine solche Aktion von langer Hand zu planen (dem Blog zufolge scheint es ja so zu sein), der hat meiner Meinung nach einiges auf dem Kasten. ABER: Wie Mirko schon schrieben, ist mir das zu verkrampft “Wir müssen jetzt mal was Webzwonulliges machen”… und das ist nun mal meine Meinung.
Es gibt mehr Microblogging-Dienste als nur Twitter!!! Warum springt die Kirche jetzt auch noch in den Twitter-Haufen – wollen die tatsächlich den Medienhype ausnutzen? Dann überschätzen sie aber die tatsächliche Nutzung grandios.
Das Video gefällt mir ausgesprochen gut, auch die Musik ist nicht altbacken (übrigens kein Techno, das ist normaler Dancefloor
– und selbst wenn, darf Techno etwa nix mit Bibel zu tun haben?! (ist ja letztlich eine musikalische Geschmacksfrage)
Was ich dagegen völlig daneben finde, das ist dieser seltsame Rekordversuch, was soll das den bitteschön?! Mit aller Gewalt in die BILD-Zeitung oder was soll das???
[...] auf Lager, die sich unter Twitterquatsch einsortieren lassen. Aber angesichts der Kommentare zum letzten Blogeintrag sollte ich vielleicht erst mal klarstellen, wie ich Quatsch definiere. Es ist nämlich nicht so, [...]