Was für ein Twitterquatsch (3)
Zwei Menschen sitzen beieinander, trinken eine Tasse Kaffee oder zwei, das Diktiergerät läuft, und ein Gespräch entwickelt sich. Keine Vorab-Verträge darüber, was gefragt werden darf; keine Gefahr, dass trotz Audio-Beweis am Ende vom eigentlichen Gespräch nichts mehr übrig bleibt. So muss der Interview-Himmel aussehen.
Heute laden Pressesprecher zu Round-Table-Gesprächen, in denen Journalisten von Glück sagen können, wenn sie mehr als eine Frage an ihr prominentes Gegenüber loswerden (wobei Gegenüber in solchen Gesprächsrunden mit mehreren Journalisten wohl auch das falsche Wort ist). Wenn es die Zeit oder die Technik nicht zulässt, werden an Stelle des Telefonates Fragen per E-Mail ausgetauscht. Und nun droht auch noch das Interview mit 140-Zeichen-Beschränkung über den Mikroblogging-Dienst Twitter modern zu werden – genannt mal Twitterview, mal Twinterview. Twitter + Interview halt.
Blogger Robert Basic und Ex-Ministerpräsidenten-Kandidat Thorsten Schäfer-Gümbel haben es während des Wahlkampfes in Hessen getan, das Twitter-Interview von Thomas Knüwer mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck erschien sogar im gedruckten Handelsblatt. Und zuletzt ließ sich ein weiterer Ex, nämlich der ehemalige US-Präsidentschaftskandidat John McCain, twinterviewen.
Das “Twinterview” als neue, semi-journalistische Untergattung des Interviews? Wohl kaum. Zu mehr als einem hoffentlich ganz kurzen Hype taugt es nicht. Dazu reicht ein Blick auf die Seite twinterview.de, die sich ausschließlich der Interviewerei per Mikroblogging widmet. Amüsant und irgendwie erfrischend auf den ersten Blick. Dann jedoch wird die Pseudo-Gattung komplett ad absurdum geführt: Statt Fragen und Antworten in 140 Zeichen dürfen Interviewer und Interviewter wild mit Pünktchen und Mehrfach-Tweets experimentieren.
Sehr uncool das Ganze, wenn Sie mich fragen. Oder mit den Worten der New York Daily News:
Lasst uns beten, dass Stephanopolous [der McCain-Twitter-Interviewer] nicht als nächstes Morsezeichen entdeckt.
Dein Auskotzen geht also weiter. Ich mag das Wort nicht unbedingt, weil es etwas drastisch klingt, aber es passt. Ich verstehe darunter, eine vorgefasste Meinung abzusegnen, bevor man eine Sache gut genug auf dem Schirm hat.
Da ich nun mal mit twinterview.de quasi direkt angesprochen werde, kann ich ja mal Stellung beziehen. Deine Kritik an Twinterviews ist es, dass Fragen und Antworten nicht auf 140 Zeichen beschränkt werden. Würde man das machen, wäre die Kritik, dass 140 Zeichen nicht ausreichen, um sinnvolle Antworten zu geben. Dabei übersiehst du: Die 140 Zeichenbeschränkung einzelner Tweets ist überhaupt nicht relevant. Es ist ebenso irrelevant, ob ein Interview “cool” ist. Relevant ist, ob Interviews interessante Sachinformationen hervorbringen oder Gedankengänge eines Interviewten darlegen können. Und, ja, das funktioniert auch via Twitter. Dort kann man schnell Interviews einfädeln (wie das Interview mit Gerd Blank zum nur Stunden zuvor erfolgtem Niggmeier-Artikel über ihn), es können sich Externe direkt einmischen und es gibt eine Spannung, live dabei zu sein. En detail kann man dabei sicherlich kaum gehen, was ein generelles Manko von Interviews ist, sofern eine Sache tiefere Einblicke benötigt. Im Gegensatz zu Print-Interviews kann es eine inhaltliche Beschönigung nicht geben, die Antworten sind ja schon verewigt. Das gibt dem Interview mit MdB Kristina Köhler ihre eigene Note (was Sie über Twitter denkt, erklärt Sie übrigens heute Abend in ZAPP).
Das war’s dann ja auch schon mit deiner “Kritik” und schwuppsala: Die Bedingungen eines Twinterviews entsprechen deinem Interview-Himmel. Vielleicht probierst du das einfach selbst einfach mal aus, bervor du erneut als Blinde über Farben spekulierst.
Wenn man Interviews per Twitter führt, finde ich es aber ganz und gar nicht irrelevant, dass die 140-Zeichen-Begrenzung nicht eingehalten wird. Der halbe Witz am Microblogging ist doch eben diese Einschränkung, die uns dazu bringt, unsere Worte sorgfältig zu überdenken, auch mal länger an Formulierungen zu feilen, damit sie in die 140 Zeichen passen. Wenn sogar die Fragen auf mehrere Tweets ausgeweitet werden, verliert das Ganze für mich seinen Reiz.
Es ist nach meiner Erfahrung nicht möglich, KEINE vorgefasste Meinung von etwas abzugeben. Ebenso ist es kaum machbar, hinreichend zu definieren, wann wer etwas ausreichend “auf dem Schirm hat”.
Ich kann Caros Argument gut verstehen – verzichtet man auf die Beschränkung, stellt sich die Frage nach der Relevanz eben dieses Dienstes Twitter. Auf der anderen Seite finde ich die nicht-zensierbarkeit von Aussagen durchaus reizvoll. Noch effektiver glaube ich jedoch wäre eine solche Rahmenbedinung bei persönlichen Interviews, die mit mehreren Sinnen ablaufen, da sich doch da in der Regel die schönsten Gesprächsblüten entfalten. Ich kann mir vorstellen, dass ein Twinterview bei entsprechenden Gesprächspartnern eher einer sezierten Pressemitteilung als einem dynamischen Gespräch gleicht.
Am Rande: ich fänd’s schön, wenn wir hier in Zukunft auf sarkastische Äußerungen wie “dein Auskotzen geht also weiter” verzichten könnten.